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Clickbaiting aus der Maschine

Clickbaiting

Clickbaiting aus der Maschine

Stolz ist keiner von uns darauf, aber getan haben es schon die meisten von uns: einen Clickbait angeklickt. Diese Headlines, die uns versprechen, dass wir gar nicht fassen können, was wir erfahren, die uns 10 schockierende Geheimnisse enthüllen wollen oder angeblich 6 Tipps preisgeben, die das Leben für immer verändern werden. Hier anklicken und du brauchst nie wieder einen Arzt, da anklicken und du willst nie wieder in ein Auto steigen. Clickbaiting, das ist eine der groteskesten Kunstformen des frühen 21. Jahrhunderts.

 

Clickbaits führen uns in Versuchung. Sie sind bunt, emotional, voller Versprechen. Sie sind darauf ausgerichtet, die vo­yeu­ris­tische Neugierde in uns zu befriedigen. Stark und heimtückisch ist aber nicht nur die Versuchung, diese Headlines anzuklicken, sondern auch der Drang, als Blog- oder Webseitenbetreiber selber solche Tricks anzuwenden. Das führt mich zum Catchy Headline Generator. Dieser nette kleine Generator spuckt zufällig zusammengebastelte Clickbait-Headlines aus. Auf Englisch zwar, aber die Übersetzung ist keine große Herausforderung. Kann man diese Headlines tatsächlich benutzen und wie viele Gehirnzellen explodieren dabei? Versuchen wir einfach mal drei Runden aus. Oder sechs. Oder 12.

 

Click for Clickbaiting

 

12 Fascinating Truths That Will Make Your Surgeon Sleepy

(12 Faszinierende Wahrheiten, die deinen Chirurgen schläfrig machen)

 

ClickbaitingOkay, das ergibt wenig Sinn. Zunächst einmal habe ich – was hoffentlich auch so bleibt – keinen Chirurgen. Ich habe einen Hausarzt, eine Zahnärztin, eine Friseurin und gleich mehrere Postboten, aber keinen Chirurgen. Das ist aber noch das kleinste Problem bei dieser Headline. Zwölf finde ich schon einmal ziemlich viel. Natürlich steht die Zahl 12 für Vollständigkeit und wirkt dadurch beeindruckend, aber je kleiner man die Anzahl der angeblich so faszinierenden Wahrheiten ansetzt, desto weniger Arbeit hat man auch. Weniger ist mehr gilt daher als ein Leitsatz unter Clickbait-Profis. Sie merken es sich mit „3 geniale Gründe, warum weniger mehr ist“. In diesem Fall wäre allerdings auch drei noch eine zu hohe Hürde, denn etwas, dass faszinierend ist, kann kaum schläfrig machen. Das ist so, als würde man eine langweilige Spannung versprechen oder eine spannende Langeweile. Und warum ausgerechnet Chirurgen? Was macht diese Berufsgruppe schläfrig, was bei Gärtnern, Anwälten oder Sporttherapeuten nicht den entsprechenden Effekt erzielt? Das ist wirklich schon die sehr gehobene Kunst des Clickbaitings, dazu muss man mindestens acht bis zehn Jahre für die Huffington Post, die BILD oder Focus Online geschrieben haben.

 

5 Things Bus Drivers Keep To Themselves

(5 Dinge, die Busfahrer für sich behalten)

 

Hier sind 5 Dinge wiederum zu wenig, schließlich darf man im Bus nicht mit dem Fahrer sprechen, also behält er wirklich sehr viel für sich. Quasi alles. Aber gut, überlegen wir mal, was Busfahrer ihren Gästen so schockierenderweise verschweigen könnten. Vielleicht, dass Busse eigentlich nur große Autos sind? Oder dass die Toiletten in Wahrheit immer einwandfrei funktionieren, die Busfahrer ihre Fahrgäste aber einfach gerne quälen? Leider befürchte ich, dass diese Headline nicht sehr erfolgreich um Klicks bettelt, denn Busfahrern fehlt so ein bisschen die Lobby. Sie sind nicht aufregend genug, haben zu wenig Einfluss. Viele Menschen fahren ja gar nicht mit dem Bus.

 

10 Troubling Truths Your Neighbor Thinks About In The Bathroom

(10 beunruhigende Wahrheiten, über die dein Nachbar im Badezimmer nachdenkt)

 

In seinem eigenen Badezimmer, richtig? Alles andere wäre nämlich wirklich sehr beunruhigend. Grundsätzlich denke ich allerdings, dass diese Headline viel zu viel verspricht. Was Menschen im Badezimmer denken ist kein großes Geheimnis. Morgens unter der Dusche denken sie „Nicht einschlafen, bloß nicht einschlafen!“. Vor dem Spiegel denken sie „Mist, schon so spät, ich hätte unter der Dusche nicht einschlafen sollen!“ und auf der Waage denken sie „Die Welt hasst mich!“. Oder vielleicht auch „86 Beweise, dass die Welt mich hasst“.

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