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Das Y-Namen-Syndrom

Das Y-Namen-Syndrom

Alle, die mit „Pippi Langstrumpf“ aufgewachsen sind, müssen jetzt besonders tapfer sein. Es ist nämlich äußerst wahrscheinlich, dass Pippis guter Freund Tommy später eine kriminelle Karriere hingelegt hat und hinter den schwedischsten aller schwedischen Gardinen gelandet ist. Denen aus Eisen und ohne Blümchenmuster. Darauf lässt zumindest das so genannte Y-Namen-Syndrom schließen.

 

In Schweden ist das Vorurteil verbreitet, dass Männer, deren Namen auf Y enden, von geringerer Bildung sind und einen sozial niedrigen Stand haben, der nicht selten in die Kriminalität führt. Diesem  Y-Namen-Syndrom sind Erik Segerborg und Mikael Söderström von der Stockholm School Of Economics 2010 auf den Grund gegangen und haben ermittelt, dass Männer mit einem Y-Namen tatsächlich häufiger im Gefängnis landen als andere. Oh, Tommy!

 

Dein Name ist Programm

 

Y-Namen-Syndrom: Karriere im Knast vorprogrammiert?Wie viel verrät der Vorname wirklich über das soziale Milieu des Trägers? Ist man in Schweden mit einem Namen wie Tommy, Jimmy oder Ronny quasi dazu verurteilt, sein ganzes Leben bestenfalls in ärmlichen Verhältnissen zu verbringen und schlimmstenfalls ein Dauergast des Strafvollzugs zu sein? Segerborg und Söderström kommen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „The Y-name Syndrome: Prisons and Prejudice“ zu dem Ergebnis, dass Y-Namen häufig in der sozialen Unterschicht Schwedens auftauchen und die Namensträger dazu prädestiniert sind, in die Kriminalität abzurutschen. Dabei schließen die beiden Wirtschaftswissenschaftler nicht gänzlich aus, dass die Tonys, Bennys und Jerrys in Schweden Opfer einer Form der Diskriminierung sind, bei der Lehrer, potentielle Arbeitgeber, Polizisten und Richter automatisch annehmen, dass von Menschen mit solchen Vornamen weniger zu erwarten ist. Wenn Bewerbungen von Mickeys und Freddys ungelesen auf dem Abgelehnt-Stapel landen oder Lehrer von vornherein Vorurteile gegen Timmys und Willys haben, muss man sich nicht wirklich wundern, wenn diese Jungs keine Ingenieure, Astronauten, Ärzte oder Raketenphysiker werden.

 

Sollten Eltern in Schweden es dann nicht tunlichst vermeiden, ihre Söhne Ricky, Danny oder Larry zu nennen? Grundsätzlich neigen Menschen dazu, Namen zu wählen, die in ihre Umgebung passen. Wenn man also davon ausgeht, dass Y-Namen in der Unterschicht verbreitet sind, dann werden auch andere Angehörige dieser Schicht diese Namen verwenden. Die traurige Logik des Teufelskreises.

 

Eine schwedische Studie

 

Y-Namen-Syndrom: SchwedenDie Studie bezieht sich allein auf Schweden und ist in der Form nicht auf Deutschland übertragbar. Hierzulande kann man wohl nicht von einem Y-Namen-Syndrom sprechen, eher noch von einem In-Namen-Syndrom: KevIn, RobIn, JustIn … Wie aussagekräftig die Studie der beiden Wirtschaftswissenschaftler letztlich ist, dazu könnten Soziologen, Kriminologen, Psychiater, Historiker und Co. vermutlich ihre eigenen Studien schreiben. Segerborg und Söderström kommen am Ende selbst zu dem Schluss, dass hier noch tiefergehende Studien nötig wären, um die Herkunft, die Auswirkungen und die Verbreitung des Y-Namen-Syndroms in Schweden zu verstehen. Die reinen Kriminalstatistiken sagen leider gegen die Sammys, Andys und Bobbys aus.

 

Nochmal der Blick nach Deutschland. Hier spricht man auch scherzhaft, aber nicht ohne ernsten Unterton vom Kevinismus. Verbreitet ist das Zitat einer deutschen Lehrkraft, wonach Kevin kein Name, sondern eine Diagnose sei. Solche Vorstellungen setzen sich in den Köpfen von Lehrern und Arbeitgebern fest, mit unangenehmen Folgen für die Namensträger. Dabei bedeutet der Name Kevin eigentlich „hübsch von Geburt“  und war in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland noch überwiegend in der Oberschicht anzutreffen. Erst zu Beginn der 1990er verbreitete sich der Name nahezu rasant in Deutschland – wozu der Film „Kevin allein zu Hause“ nicht unwesentlich beigetragen haben dürfte – und erarbeitete sich einen schlechten Ruf. Womöglich bedingt durch seine große Verbreitung. Je mehr Kevins es gibt, desto höher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass darunter Problemfälle sind. Das gilt auch für Tommys, Ronnys und Jimmys.

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