Top

(Keine) Angst vor Feiertagen: „Holidays“

Holidays: Filmreview

(Keine) Angst vor Feiertagen: „Holidays“

Acht Feiertage, acht Episoden, acht Mal die Frage, was man sich da eigentlich gerade angesehen hat. Alles in einem Film. „Holidays“ ist eine Horroranthologie, die uns vom Valentinstag bis zu Silvester zeigt, wie zerstörerisch, rätselhaft und krank Feiertage doch sind.

 

Seine Premiere hatte der Film im April 2016 auf dem Tribeca Film Festival. Mittlerweile ist er mit deutscher Synchronisation auf Netflix abrufbar. Insgesamt neun verschiedene Regisseure haben mitgewirkt, darunter Kevin Smith („Clerks“, „Dogma“), Gary Shore („Dracula Untold“) und Scott Stewart („Priest“). Beinahe jeden der Abschnitte kann man hinterher munter interpretieren und diskutieren, auseinander nehmen und wieder zusammensetzen, ohne dabei auf klare Erkenntnisse zu stoßen, was zweifellos auch so gewollt ist. Bisweilen leider etwas zu sehr. Die Beiträge stammen zwar von durchaus erfahrenen Regisseuren, aber einige scheinen bei diesem Projekt ein wenig in ihre College-Experimentiertphase zurückgefallen zu sein.

 

Die Holidays

 

Valentinstag

Holidays

Grafik zum Film. (Quelle: Facebookseite)

Maxine (Madeleine Coghlan) leidet unter den Schikanen ihrer Mitschülerin Heidi (Savannah Kennick) und flüchtet sich in Schwärmereien für ihren Schwimm-Trainer Coach Rockwell (Rick Peters). Als dieser mitbekommt, wie schlecht Maxine behandelt wird, will er ihr eine Freude machen und schenkt ihr eine Valentinskarte. Damit löst er ein blutiges Drama aus.

 

Rezension: Trotz Blut und Eingeweide ist dies ein sanfter Einstieg in die Anthologie, denn im Gegensatz zu den meisten der folgenden Abschnitte ist „Valentinstag“ recht schnörkellos und vorhersehbar. Es gibt keinen echten Twist, man ahnt von Anfang an, worauf das Ganze hinausläuft. Die Lehren, die man ziehen kann, sind, dass der Coach keine sonderlich gute pädagogische Ausbildung genossen hat, Highschool-Mädchen kleine Miststücke mit fehlender Empathie und mangelndem Bezug zur Realität sind, die keine Abkürzungen durch den Wald nehmen sollten, und Wassersport in der Hölle erfunden wurde.

 

St. Patrick’s Day

Die junge Lehrerin Elizabeth Cullen (Ruth Bradley) versucht dem neuen Mädchen in ihrer Klasse, Grainne (Isolt McCaffrey), bei der Eingewöhnung zu helfen. Grainne ist jedoch kein normales Kind und Elizabeth erlebt den Schlangenmythos rund um den St. Patrick’s Day plötzlich am eigenen Leib.

 

Rezension: Mit den Hintergründen des irischen Feiertags St. Patrick’s Day, der auf den 17. März fällt, beschäftigt man sich in Deutschland ja in der Regel kaum. Insofern schließt dieser zweite Abschnitt von „Holidays“ gewisse Lücken und beantwortet dabei zugleich die Frage, warum Horrorfilme über den St. Patrick’s Day eher rar gesät sind. Es passt einfach nicht. Zwar muss man der Darstellerin der kleinen Grainne ein Kompliment für ihre Unheimlichkeit machen, ansonsten wirkt dieser Abschnitt aber weitestgehend absurd und mündet in ein albernes Finale. „St. Patrick’s Day“ ist eine wirre Mischung aus „Rosemarys Baby“, der Bibel, „Der Exorzist“ und dem Kunstunterricht in der Grundschule.

 

Ostern

Ein kleines Mädchen (Ava Acres) hat Fragen zu der Verbindung zwischen Jesus Christus und dem Osterhasen. In der Nacht trifft sie auf eine unheimliche Gestalt.

 

Rezension: Diese gruselige Verzerrung der Ostergeschichte könnte einem glatt die Lust am Eiersuchen nehmen. Eine gewisse verstörende Wirkung ist dieser Episode nicht abzusprechen. Sie spielt mit dem Unwissen, den viele Menschen in Bezug auf die religiösen Feiertage haben, die sie jedes Jahr wie selbstverständlich begehen. Die Begegnung der kindlichen Unschuld mit dem Fremden und Unerklärlichen rüttelt zudem an unsere eigenen Ängste und weckt tiefe Beklemmung, wenn auch auf eine absurde Art, von der ich schwerlich behaupten kann, dass sie mir gefallen hat. Oder nicht gefallen hat.

 

Muttertag

Trotz Verhütungsmaßnahmen wird Kate (Sophie Traub) jedes Mal, wenn sie Geschlechtsverkehr hat, schwanger. Da sie noch kein Kind möchte, hat sie bisher alle Schwangerschaften abgebrochen. Auf der Suche nach Hilfe gerät sie an eine Kultgemeinschaft.

 

Rezension: Zum Muttertag eine Geschichte über Fruchtbarkeit, stilecht mit Trance-Tanzeinlagen, nackten Brüsten und Pseudo-Spiritualität. Hier sollen die Bilder sprechen, aber es wirkt alles weitestgehend klischeehaft und überspielt. Eine klare Auflösung gibt es auch hier wieder nicht, aber man ist auch nicht sehr motiviert, sich diesbezüglich größere Gedanken zu machen.

 

Vatertag

Carol (Jocelin Donahue) erhält eine vor Jahren aufgezeichnete Audiobotschaft ihres verschwundenen Vaters, die sie zu ihm führen könnte. Oder ins Verderben.

 

Rezension: Diese Episode macht vieles richtig. Sie baut eine sehr spannende, emotionale Atmosphäre auf, ist gut gespielt und besitzt einen gewissen Retro-Charme. Nur das Ende ist wieder … na ja, bei weitem nicht so furchtbar wie das des St. Patrick’s Day-Segments, aber auch so betont offen. Natürlich kann Interpretationsspielraum in den richtigen Portionen eine gute Sache sein, aber wenn man immer wieder in diesen Raum gezerrt wird und jemand das Licht ausknipst, vergeht einem langsam die Lust.

 

Halloween

Hexen SymbolbildIan (Harley Morenstein) lockt mit falschen Versprechungen junge Mädchen an, damit sie für ihn vor der WebCam posieren. An Halloween eskaliert die Situation zwischen ihm und seinen drei Darstellerinnen (Ashley Greene, Olivia Roush, Harley Quinn Smith)

 

Rezension: Wenn ausgerechnet die Halloween-Episode die am wenigsten unheimliche ist, dann muss doch wohl Absicht dahinterstecken, oder? In diesem Abschnitt werden keine grotesken, symbolbehafteten Bilder gezeichnet, stattdessen gibt es eine sadistische, unanständige, aber geradlinige und mit Humor untermalte Rachestory, die ein wenig den Hexenmythos aufgreift, aber mehr so, wie das vielleicht eine Mädchenclique auf einer Halloween-Party tun würde. Bei vielen Betrachtern gilt „Halloween“ als der schwächste Abschnitt, aber ich muss gestehen, dass er irgendwie eine wohltuende Abwechslung zu den vorherigen, teilweise überzeichneten Segmenten war.

 

Weihnachten

Im letzten Moment will Pete Gunderson (Seth Green) noch das Virtual-Reality-Spielzeug besorgen, das sich sein Sohn zu Weihnachten wünscht. Um es zu bekommen, trifft er eine drastische und unmoralische Entscheidung, die ihn fortan verfolgt.

 

Rezension: Weihnachten als das Fest der Liebe, des Miteinanders und des Gebens? Nicht hier. Dieser Abschnitt der Horroranthologie „Holidays“ zeigt den größten Feiertag im Kalender als kommerzielles Festival der Eitelkeiten und Selbstsüchte. Ein Vater geht für ein Produkt im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen und wird durch dieses Produkt gequält. Die VR-Brille zeigt ihrem Träger, wer er wirklich ist. Die technische Machbarkeit dieser Brille, die für den Preis eines normales Spielzeugs zu haben ist, sei mal dahingestellt. Im Prinzip ist dies eine moderner Variante der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, ohne Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht, dafür mit einem High-Tech-Gerät, das den Schurken mit seinen Sünden konfrontiert – die schmutziger sind als das, was sich ein Mr. Dickens damals auszudenken getraut hat.

 

Silvester

Ein gestörter Mann (Andrew Bowen) lernt Frauen über eine Datingseite kennen und tötet sie. An Silvester verabredet er sich mit einer Frau (Lorenza Izzo), die laut der Datingseite zu 96% zu ihm passt. Was dies wirklich bedeutet, hat er nicht erwartet.

 

Rezension: Das Beste kommt zum Schluss. Die Silvester-Episode hat mich am meisten überzeugt, mit einer geradlinigen, herrlich ironischen und hemmungslos fiesen Geschichte, die einfach gut rüberkommt. So hätten ruhig alle Episoden sein dürfen. Dann wäre „Holidays“ vielleicht nicht so außergewöhnlich gewesen, aber dafür amüsanter und ansprechender.

 

Meine Rangliste der Holidays

 

  1. Silvester
  2. Halloween
  3. Vatertag
  4. Weihnachten
  5. Ostern
  6. Valentinstag
  7. Muttertag
  8. St. Patrick’s Day
No Comments

Post a Comment