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Männer, die ihre Hand in der Weste haben

Napoleon mit Hand in der Weste

Männer, die ihre Hand in der Weste haben

Napoleon Bonaparte besaß zwei Hände. Das gilt geschichtlich als gesichert, obwohl wir auf vielen Porträts des berühmten französischen Herrschers nur eine Hand sehen können. Napoleon ist bekannt für die Hand in der Weste. Die bekanntesten Darstellungen zeigen ihn quasi einhändig, während die andere Hand posierend in seiner Weste versteckt ist. Wird Napoleon heutzutage irgendwo imitiert, dann so gut wie immer in dieser Pose.

 

Auch wenn die Pose als charakteristisch für Napoleon gilt, finden wir sie auf vielen Porträts berühmter männlicher Persönlichkeiten. Das vermutlich bekannteste Foto des politischen Philosophen Karl Marx aus dem Jahr 1875 z.B. zeigt ihn mit der linken Hand in der Weste. Von dem ersten Präsidenten der USA, George Washington, existieren ebenfalls Porträts in dieser Pose, wie auch von einem seiner erfolgloseren Nachfolger, dem 14. Präsidenten Franklin Pierce. Weitere historische Persönlichkeiten, die bildlich mit einer Hand in der Weste dargestellt wurden, sind unter anderem Francisco Pizarro, der einst das Reich der Inka eroberte, und der russische Diktator Josef Stalin. Was hat es mit dieser Pose auf sich?

 

Die Hand in der Weste

 

Franklin Pierce

Franklin Pierce mit der Hand in der Weste

Es liegt auf der Hand (haha), dass es zu dieser Pose wilde, meist auch kaum ernst gemeinte Theorien gibt, von der Vermutung, dass diese Männer Hautausschläge zu verbergen versuchten, bis hin zu dem Erklärungsansatz, dass Künstler einfach nicht sehr gut darin waren, Hände zu malen. Sicherlich hat es den einen oder anderen Porträtmaler gegeben, der sehr froh war, eine Hand weniger zeichnen zu müssen, aber dies fiel spätestens mit der Fotografie weg und doch hielt sich die Geste noch bis ins 20. Jahrhundert.

 

Blickt man tiefer in die Geschichte hinein, in eine Zeit lange vor Napoleon, entdeckt man, dass schon antike römische und griechische Abbildungen Männer mit einer Hand in ihrer Toga zeigten. Der griechische Redner Aischines hielt im 3. Jahrhundert vor Christus schriftlich fest, dass es unhöflich sei, mit gestikulierenden Händen außerhalb der Toga zu sprechen. Das verbergen zumindest einer Hand entsprach also einem antiken Ideal und wurde vor allem im 18. Jahrhundert von Porträtmalern wieder aufgegriffen. Die Hand in der Weste galt als Zeichen von Bildung und Erhabenheit. Im Jahr 1738 veröffentlichte François Nivelon das Buch The Rudiments of Genteel Behavior, zu Deutsch Die Grundlagen des guten Benehmens, und beschrieb darin die Hand in der Weste als Ausdruck für „männliche Kühnheit gemäßigt durch Bescheidenheit“. Was auch immer das genau heißen mag. In jedem Fall sollte diese Pose Eindruck machen, Autorität ausstrahlen und die dargestellte Person als bedeutend herausheben.

 

Keine Hand mehr in der Weste

 

Auf heutigen Porträtaufnahmen, ob gemalt, fotografiert oder per Computerprogramm erstellt, findet man die Hand in der Weste so gut wie gar nicht mehr. Ihre einstige Bedeutung ist weitestgehend verloren gegangen. Dies mag auch mit Napoleon zu tun haben. Seine Karriere ging nicht unbedingt rühmlich zu Ende und als Personifikation des Guten wird er eher nicht gesehen. Nach ihm ist sogar ein Komplex benannt, den die meisten von uns lieber nicht hätten. Eine Pose, die so stark mit ihm assoziiert wird, hat es daher schwer.

 

Schon 1869, zu einer Zeit, als die Hand in der Weste noch verbreitet war, griff Lewis Carroll in seinem Gedicht Hiawatha’s Photographing die Pose satirisch auf und nahm dabei Bezug auf Napoleon:

 

Hiawatha's Photographing

Illustration von Arthur B. Frost zu Lewis Carroll’s Hiawatha’s Photographing

First the Governor, the Father:
He suggested velvet curtains
looped about a massy pillar;
And the corner of a table,
Of a rosewood dining-table.
He would hold a scroll of something,
Hold it firmly in his left-hand;
He would keep his right-hand buried
(Like Napoleon) in his waistcoat;
He would contemplate the distance
With a look of pensive meaning,
As of ducks that die in tempests.

Als inoffizielles Gegenstück zur Hand in der Weste kann übrigens die Hand in der Hose betrachtet werden, erfolgreich etabliert von der Fernsehfigur Al Bundy aus der Serie Eine schrecklich nette Familie. Diese Pose spricht für einen Mangel an Bildung und Erhabenheit und steht für männliche Rauheit gemäßigt durch Faulheit.

 

Literatur & Links zum Thema

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