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Murder Maps, Staffel 1

Murder Maps auf Netflix

Murder Maps, Staffel 1

Bei den Stichworten „Geschichte“, „London“ und „Mörder“ denkt man unweigerlich an Jack the Ripper, der noch heute Hobbydetektive auf der ganzen Welt zum Grübeln bringt. Damit tut man dem London des 19. und frühen 20. Jahrhundert allerdings Unrecht. Dort gab es nämlich noch weitaus mehr perfide Mörder, die mit schockierenden Taten die Öffentlichkeit aufschreckten.

 

Die Doku-Reihe „Murder Maps“ stellt spektakuläre Mordfälle aus der Geschichte der englischen Hauptstadt vor. Die erste Staffel umfasst vier Episoden, die auf Netflix im Originalton mit deutschen Untertiteln verfügbar sind. Anhand dieser Fälle wird sowohl die Entwicklung Londons als auch die der Londoner Polizei und der Forensik im Allgemeinen beleuchtet. Wir lernen einige wichtige Persönlichkeiten der britischen Kriminalgeschichte kennen und erfahren von Verbindungen zwischen großen Werken der Literatur und realen Mordfällen. Originalaufnahmen aus dieser Zeit existieren natürlich kaum, daher werden die Morde, die Prozesse und das ganze Drumherum in Spielfilmszenen nachgestellt. Die Schauspieler wenden sich dabei, in ihren Rollen als Mörder, Angehörige oder Ermittler, auch direkt an die Zuschauer.

 

Murder Maps: Londons Blutpfade

 

Folge 1: The Bermondsey Horror

Marie de Roux aus Lausanne in der Schweiz wandert nach London aus und erhält einen Posten als Hausangestellte einer Adligen. 1848 heiratet sie Frederick

Murder Maps: Marie de Roux

Zeitgenössische Darstellung von Marie de Roux

George Manning, bleibt aber in engem Kontakt mit ihrem Geliebten Patrick O’Connor, einem gebürtigen Iren, der in London zu einigem Reichtum gelangt ist. Am 9. August 1849 töten Marie und ihr Ehemann Frederick den von ihnen zu einem Dinner eingeladenen Patrick O’Connor und verscharren seine Leiche unter dem Küchenboden in ihrem Haus im Londoner Stadtteil Bermondsey. Dann stehlen sie O’Connors Geld und Aktien.

 

Das Verschwinden des wohlhabenden Mannes bleibt jedoch nicht lange unbemerkt. Marie und Frederick fliehen getrennt voneinander, werden aber gefasst und zusammen vor Gericht gestellt, wo die Anwälte der beiden versuchen, dem jeweils anderen Partner die Hauptschuld anzulasten. Das Paar wird schließlich verurteilt und gehängt. Ihre öffentliche Hinrichtung ist ein Spektakel, das den berühmten Autor Charles Dickens dazu veranlasst, einen Brief an die Zeitung Times zu verfassen, in welchem er sich schockiert von dem Verhalten der Menge zeigt. Zugleich nutzt er die Geschichte von Marie de Roux als Inspiration für sein Werk „Bleak House“. Auch andere Schriftsteller der Zeit schreiben über den Fall, der als „Bermondsey Horror“ berühmt wird.

 

Rezension: In der damaligen Öffentlichkeit galt Marie als treibende Kraft hinter der Bluttat und ihr Ehemann Frederick als schwacher Charakter, den sie leicht beeinflussen konnte. Die Tatsache, dass sie Ausländerin war, dürfte dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Aus heutiger Sicht gilt es freilich auch als unwahrscheinlich, dass Frederick, der unter Alkoholsucht litt, alleine einen Mordplan ausgeheckt und Marie zur Mittäterschaft gezwungen haben könnte.

 

Einer der Gründe dafür, dass dieser Mordfall als „Bermondsey Horror“ in die Geschichte einging, war die Brutalität, mit der das Ehepaar sein Opfer tötete. Da „Murder Maps“ eine Doku-Reihe ist und kein Splatter-Film, wird diese Brutalität nur angedeutet. Es entsteht dadurch allerdings eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Gezeigten und den Aussagen.

 

Folge 2: In the Shadow of Jack

Etwas mehr als 10 Jahre nach den Taten von Jack the Ripper wird George Chapman als Giftmörder überführt und verurteilt. Bald danach kommt die Vermutung auf, dass Chapman womöglich auch Jack the Ripper war. Dies gilt inzwischen allerdings nicht mehr als besonders wahrscheinlich. George Chapman heißt eigentlich Seweryn Antonowicz Kłosowski und stammt aus Polen. Über die USA gelangt er nach England. Im Londoner Stadtteil Whitechapel, bekannt für Überbevölkerung, Armut und eben Jack the Ripper, eröffnet er ein Gasthaus. Im Jahr 1901 heiratet Chapman die 19-Jährige Maud Marsh, die kurz darauf schwer erkrankt. Ihr Arzt kann ihr nicht helfen. Ein anderer, von Mauds Mutter dazu bestellter Arzt argwöhnt, dass die junge Frau vergiftet wurde.

 

Nach Mauds Tod beweist die Obduktion, dass sie tatsächlich Opfer eines Verbrechens geworden ist. Die Ermittler finden heraus, dass Seweryn Antonowicz Kłosowski  alias George Chapman zuvor bereits zwei andere Frauen geheiratet hat und diese ebenfalls an mysteriösen Erkrankungen starben. Alle drei Ehen waren nicht einmal legal, da Chapman bereits verheiratet war. Er wird schließlich verurteilt und hingerichtet. Da seine Taten zeitlich und örtlich zu Jack the Ripper passen, erscheint es naheliegend, dass er auch der legendäre Prostituiertenmörder gewesen sein muss. Allerdings entsprechen Chapmans Methodik der Giftmorde sowie die Auswahl seiner Opfer ganz und gar nicht dem Vorgehen des Rippers.

 

Rezension: Aus emotionaler Sicht ist dies die stärkste der vier Episoden, was viel mit den Darstellern zu tun hat. Mauds qualvoller Tod, das Leid ihrer Mutter und der unheimliche George Chapman, der den trauernden Witwer gibt, machen Eindruck. Chapmans Motive konnten nie ergründet werden, weshalb auch die Doku keine Antwort auf diese Frage gibt. Es wird aber zumindest angedeutet, dass Chapman ein zutiefst grausames Individuum war, das es genossen hat, Macht auszuüben. Möglicherweise litt er auch an einer Form des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms und war süchtig nach der Aufmerksamkeit, die er als scheinbar besorgter Ehemann und späterer Witwer bekam.

 

Eine kleine Randgeschichte, die erwähnt wird, ist die Tatsache, dass es eine Begegnung zwischen George Chapman und Charlie Chaplin gab, als Letzterer noch ein Kind war. Chaplin erhielt damals von Chapman ein Glas Wasser. In seiner Autobiographie dramatisiert Chaplin das Geschehen etwas und berichtet, dass er das Wasser nicht trinken konnte und es lieber weggekippt hat.

 

Folge 3: Finding Dr. Crippen

Murder Maps: Dr. Crippen

Fahndungsplakat der Londoner Polizei

Der amerikanische Arzt Hawley Harvey Crippen heiratet die angehende Sängerin Cora und zieht mit ihr nach London. Unter dem Künstlernamen Belle Elmore versucht Cora dort Karriere auf der Bühne zu machen, besitzt aber nicht das nötige Talent für den Durchbruch. Dr. Crippen verliebt sich derweil in seine junge Assistentin Ethel le Neve. Als Cora im Jahr 1910 spurlos verschwindet, behauptet Crippen, sie sei ohne ihn in die USA zurückgekehrt und dort einer Krankheit erlegen. Coras Freunde sind misstrauisch und überzeugen die Polizei davon, zu ermitteln, woraufhin Crippen und seine Geliebte Ethel, die inzwischen zu ihm gezogen ist, die Flucht ergreifen.

 

Im Keller von Crippins Haus entdecken die Ermittler menschliche Überreste, die der berühmte Rechtsmediziner Sir Bernard Spilsbury anhand einer Narbe als die von Cora identifiziert. Spilsbury kann auch Spuren eines starken Beruhigungsmittels nachweisen. Crippen und Ethel versuchen verkleidet nach Kanada zu fliehen, werden aber auf dem Schiff von dem Kapitän erkannt, der telegraphisch die Londoner Polizei alarmiert. Diese nimmt auf einem schnelleren Schiff die Verfolgung auf und kann die beiden Mordverdächtigen fassen. Dr. Crippen wird verurteilt und hingerichtet, seine Geliebte freigesprochen.

 

Rezension: Der Fall des Dr. Crippen beschäftigt aus mehreren Gründen bis heute die Wissenschaft. Zum einen war Crippin  der erste Verbrecher, der mit Hilfe der drahtlosen Kommunikation, vom Schiff zum Festland, verhaftet werden konnte. Weiterhin wurde der Arzt in den zeitgenössischen Aufzeichnungen stets als sehr freundlicher, liebenswürdiger Mensch bezeichnet und passte damit nicht in das Bild eines Mörders, der seine Frau vergiftet und ihre Leiche zerteilt haben soll. Auch Ethels Verwicklung in den Fall wirft Fragen auf. Wusste sie wirklich von nichts? Oder gab es womöglich überhaupt keinen Mord? 2007 untersuchten Wissenschaftler der Michigan State University die damals gefundenen Überreste, die als jene von Cora anerkannt wurden, und stellten fest, dass es keine genetische Übereinstimmung mit Nachfahren von Cora gibt. Mehr noch: die Überreste sollen männlich sein. Diese Ergebnisse werden wiederum von anderen Experten in Zweifel gezogen, da die fast 100 Jahre alten Proben alles andere als ideal für eine solche Untersuchung sind.

 

Beschäftigt man sich etwas näher mit diesem Fall, muss man sagen, dass die dritte Episode von „Murder Maps“ die Kontroversen rund um Dr. Crippens Verurteilung doch etwas nachlässig behandelt. Die Untersuchung von 2007 wird zwar erwähnt, es wird jedoch nicht ausgeführt, wie die Ergebnisse in der Forschung interpretiert werden und wie zuverlässig sie sind. So stellt die Doku diesen Elefanten einfach nur in den Raum.

 

Folge 4: The Brides in the Barth Killer

Der Erste Weltkrieg beeinflusst auch das Leben, Denken und Fühlen in der englischen Hauptstadt London. Die Polizei ist vor allem damit beschäftigt, ausländische Mitbürger zu registrieren und zu überwachen, da diese als Gefahr empfunden werden. In dieser heiklen Phase stoßen die Ermittler auf George Joseph Smith, einen zweifachen Witwer, dessen beide Frauen kurz nach der Hochzeit in der Badewanne ertranken. Hinweise auf Gewaltanwendung gibt es jedoch nicht. Auch zu diesem Fall wird der Rechtsmediziner Sir Bernard Spilsbury hinzugezogen. Er entdeckt, mit welcher perfiden und effizienten Methode George Joseph Smith seine Frauen ertränkt hat, um an ihr Geld bzw. an ihre Lebensversicherung zu kommen. Der Prozess ist für die Londoner eine willkommene Abwechslung zu den Schrecken des großen Krieges.

 

Rezension: Dieser Fall hat drei interessante Aspekte. Zunächst wäre da der zeitliche Rahmen des Ersten Weltkriegs. Zwar war London kein Kriegsschauplatz, dennoch verlor die englische Hauptstadt natürlich unzählige ihrer Bürger an der Front. Dadurch veränderte sich auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, die viele der Aufgaben übernehmen mussten, für die es nicht mehr genug arbeitsfähige Männer gab. Damit sind wir beim zweiten Aspekt. George Joseph Smith nutzte die noch vorherrschende Benachteiligung von Frauen, die ohne einen Ehemann gesellschaftlich den Anschluss verloren, einfach aus. Sein Beuteschema waren vor allem etwas ältere Frauen, die fast keine Hoffnung mehr auf ein Eheleben hatten. Der dritte Aspekt führt uns wieder zu dem bereits aus Folge 3 bekannten Sir Bernard Spilsbury, der gewissermaßen eine Mischung aus Sherlock Holmes und allen Folgen von „CSI“ war. Er machte die Rechtsmedizin in London zu einer anerkannten Wissenschaft, die vor Gericht bestehen konnte. Aus heutiger Sicht betrachtet hatte seine Popularität natürlich auch Nachteile. Ihm wurde alles geglaubt. Lag er mal falsch, war das Schicksal der Betroffenen dennoch besiegelt.

 

Murder Maps: Wie war nochmal der Name?

 

Die Prämisse, berühmte Mordfälle nachzuspielen und die historischen Figuren dabei immer mal wieder die vierte Wand durchbrechen zu lassen, so dass sie den Zuschauern die Geschehnisse erklären können, funktioniert ganz gut. Die Kulissen und Kostüme sind authentisch. Was ein wenig negativ auffällt, ist der inkonsequente Umgang mit den Namen der weiblichen Beteiligten. Mal werden sie mit ihrem Mädchennamen, dann wieder mit ihrem Ehenamen angesprochen. In der Folge „Finding Dr. Crippen“ wird auch noch der Künstlername des Opfers beigemischt.

 

Seit Anfang Oktober sind auf Netflix auch die Folgen der zweiten Staffel abrufbar.

 

Anmerkung
Dieser Beitrag wurde aktualisiert. Er erschien ursprünglich am 9. Juli 2016.
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