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Das seltsame Ausstiegsverhalten

Das seltsame Ausstiegsverhalten

Es sind in den letzten Jahren die einen oder anderen humorigen Bücher und netten Zeitungsglossen über die diversen Eigentümlichkeiten im öffentlichen Nahverkehr erschienen. Ein Thema wird dabei zumeist wenig angesprochen, obwohl es erstaunlich variantenreich und komplex daherkommt: das Aussteigen.

 

Bus oder Zug hält, Tür geht auf, Mensch steigt aus. Das sollte eigentlich ganz einfach sein, ist es aber beileibe nicht immer. In vielen Jahren täglichen Fahrens mit Bahn und Bus wurde ich Zeuge bzw. selbst Opfer einiger türbedingter Katastrophen, unerwarteter Ausstiegs-Klauseln und Ausgänge mit unglücklichem Ausgang. Hier der Versuch einer kleinen Rekapitulation.

 

Wollte ich hier nicht aussteigen?

 

Wer in einen Bus oder einen Zug einsteigt, plant in der Regel, an einem bestimmten Punkt der Strecke wieder auszusteigen. Das muss man, auch wenn man in der Gruppe reist, nicht explizit ansprechen, das ist jedem klar. Sollte es zumindest sein. Vor einigen Jahren habe ich in einem Zug eine recht skurrile Szene beobachtet: mehrere Frauen, scheinbar ein Kegelclub oder ähnliches, haben sich in Richtung der nächsten Tür bewegt, um an ihrem Zielbahnhof auszusteigen. Die Damen sind aber nicht ausgestiegen – und als der Zug weiterfuhr, haben sich alle angesehen und sich gefragt, warum sie nicht ausgestiegen sind. Was genau da eigentlich passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Offenbar haben die Frauen gewartet, bis die neuen Fahrgäste eingestiegen sind (obwohl die Reihenfolge üblicherweise andersherum ist) und dabei das Aussteigen total verpasst. Es scheint also durchaus Sinn zu machen, vor einem Gruppenausflug das gemeinsame Aussteigen aus dem Zug zu üben.

 

Aussteigen: ZugDass einzelne Personen nicht rechtzeitig aus dem Zug kommen, geschieht des Öfteren. Einer der häufigsten Gründe ist schlechtes Timing. Man sollte nicht erst, wenn der Zug schon in den Bahnhof eingefahren ist, damit beginnen, seinen Laptop einzupacken, die Wasserflasche zu verstauen, die Jacke anzuziehen und den mit Koffern, Taschen und Personen verstopften Gang zur Tür zurückzulegen. Das kann man machen, wenn der Zielbahnhof gleichzeitig die Endstation des Zuges ist, ansonsten aber sollte man sich etwas ranhalten. Fährt der Zug erst einmal weiter, ist man bis zur nächsten Station gefangen und die folgt, anders als bei vielen Linienbussen, nicht schon 10 Meter weiter.

 

Ein zusätzlicher Problem-Faktor: nicht jeder Zug ist ein ICE. Ich hatte das Vergnügen, über Jahre Regionalbahn zu fahren. Das sind häufig bimmelige Züge, die nicht ganz so weit über dem Luxusgrad eines Heuwagens stehen. Ich bin immer heil übergekommen, habe dabei einige tolle Bücher gelesen und sämtliche Lateinvokabeln gelernt, aber ein komfortables, geräuschloses Gleiten durch die Landschaft war das nicht. So ein Regionalzug weist diverse Schönheitsfehler und Alterserscheinungen auf, die häufig den Sanitärbereich betreffen, aber auch vor den Türen nicht haltmachen. Manchmal lassen diese sich nicht mehr öffnen, entweder weil die Elektronik streikt oder die Mechanik klemmt. Dann stehst du da vor einer unkooperativen Tür an einem Bahnhof in Kleinkleckersdorf, den der Zugführer gar nicht schnell genug wieder verlassen kann. Da hilft nur noch Extrembahnabteilcrossing. Von null auf hundert durch das Abteil zur nächsten Tür, über Gepäck springen, Leute aus dem Weg schubsen und dabei unzusammenhängende, hoffentlich entschuldigend wirkende Sätze wie „Die Tür klemmt!“ oder „Ich muss hier raus!“ rufen.

 

 

Drück doch den Knopf, Mensch!

 

Im Bus ist das alles einfacher. Theoretisch. Im Gegensatz zur Bahn ist der Bus ein Verkehrsmittel, in dem eine Interaktion zwischen Passagieren und Fahrer möglich ist. So abschreckend das „Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen“-Schild auch wirken soll, es ist nur ein Schild. Wenn man als Fahrgast also seine Haltestelle verpasst, kann man dem Busfahrer (m/w) ein freundliches „Stop!!!“ oder „Ich muss hier raus!!!“ zuflüstern. Meiner Erfahrung nach geht man damit allerdings ein erhebliches Risiko ein, sich einen Busfahrer zum Feind zu machen. In der Regel fahren Busfahrer ein und dieselbe Strecke immer und immer und immer wieder. Dementsprechend kennen sie jeden Quadratzentimeter Straße schon mit zweitem Vornamen und sind froh über jede Haltestelle, die sie nicht anfahren müssen. Daher rollen sie auch ohne zu zögern an jeder Bushaltestelle vorbei, sofern sie nicht mehrere Meter vorher mittels eines Signals alarmiert werden, welches jeder Fahrgast durch Betätigung eines Knopfes aussenden kann. Es befindet sich aber nicht direkt neben jedem Sitz ein solcher Knopf. Meistens muss man aufstehen, um ihn zu nutzen. Manche Knöpfe sind auch defekt. So fangen die Probleme an.  Wenn ich jede Schimpftirade eines laut und abrupt ge“Stop!!!“ten Busfahrers aufgezeichnet hätte, könnte ich einen eigenen Blog daraus machen.

 

Für die Fahrgäste ist es zumeist nicht so ganz nachvollziehbar, warum manche Busfahrer sehr widerwillig reagieren, nur weil sie mal ein paar Meter hinter einer Bushaltestelle anhalten sollen, um einen Fahrgast, der nicht rechtzeitig den Knopf gefunden hat, rauszulassen. Kürzlich hat mir eine Busfahrerin erklärt, dass sie nicht versichert ist, wenn sie einen Fahrgast außerhalb einer offiziellen Haltestelle rauslässt. Das wirft ein etwas anderes Licht auf die Sache. Ob das jeden Busfahrer jedes Busunternehmens in jeder Stadt betrifft, weiß ich nun nicht, aber es ist eine interessante Information.

 

Tatsächlich besteht bei schlecht kommunizierten Ausstiegswünschen im Busverkehr eine gewisse Unfallgefahr. Das habe ich vor nicht allzu langer Zeit bemerkt, als ich in einem von diesen winzigen Bussen, mehr Dose als Bus, unterwegs war. Die Dose hatte keinen Stop-Knopf. Also habe ich den Fahrer freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich gleich aussteigen möchte. Irgendwie kam mein Satz „Die nächste Haltestelle bitte anhalten“ bei ihm aber als „Halt, um Himmels willen, stoppen Sie den Bus!“ an und er hat mitten auf der Straße eine Vollbremsung hingelegt, so dass ich fast einen Salto bis zur Frontscheibe vollführt hätte. „Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen“ ist manchmal vielleicht doch eine gute Idee.

 

Zwei Türen sind noch keine Einladung

 

Aussteigen: StopDie meisten Busse haben zwei Türen, eine vorne und eine hinten. Dahinter steckt ein simples Prinzip: vorne wird eingestiegen, hinten ausgestiegen, es sei denn, man ist eine Person mit Kinderwagen, ein Senior mit Rollator oder eine Familie mit Flachbildfernseher (kein Joke!), dann darf man auch hinten einsteigen. Dieses Prinzip funktioniert im Linienverkehr recht gut, bei Schulbussen allerdings weniger. Über Jahre habe ich mitverfolgt, wie Busfahrer versucht haben, dieses Zwei-Türen-System Kindern und Jugendlichen zwischen 7 und 17 Jahren einzutrichtern. Es war kein Erfolg.

 

Für Schulbusse gilt dabei ähnliches wie für den regionalen Zugverkehr: es werden nicht die Luxusmodelle geschickt. Das Problem mit sich nicht öffnenden Türen habe ich dementsprechend auch während meiner Schul(bus)-Zeit mehrfach erlebt. Das wurde aber eigentlich immer sehr locker gesehen, denn so wirklich wollte ja keiner in die Schule. Wesentlich skandalöser waren die Fälle, in denen sich die Tür während der Fahrt nicht (vollständig) geschlossen hat. Oder sie hat sich geschlossen, als gerade jemand hindurchgehen wollte. Eigentlich darf das nicht passieren. Ein Mechanismus soll verhindern, dass Menschen in der Tür eingequetscht werden, aber wenn schon Fensterscheiben während der Fahrt herausfallen oder der Motor explodiert (ebenfalls reale Erlebnisse), überrascht es nicht, wenn mal jemand in der Tür steckenbleibt. Es wurde dabei Gott sei Dank nie ein Kind verletzt. Höchstens ein bisschen im Stolz.

 

Honorable Mentions

  • Beim Aussteigen auf den Stufen stolpern
  • Sich gerade an der Bustür anlehnen, wenn diese sich öffnet
  • Die Zugtür durch Ungeschicklichkeit nicht aufbekommen
  • Der Versuch, auf der falschen Seite aus dem Zug auszusteigen
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