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Juldarigi. Den Drachen nach Westen ziehen

Juldarigi. Den Drachen nach Westen ziehen

Drachenziehen schwer gemacht. In fast jeder Kultur dieser Welt kennt man Formen von Tauziehen als Kräftemessen zwischen zwei Mannschaften. In Südkorea wird mit Juldarigi seit mehr als 3000 Jahren eine traditionelle Art des Tauziehens praktiziert, bei der die Seile einem Drachen entsprechen, der auch schon mal 40 Tonnen wiegen kann, und Ost gegen West antritt. Aus einem bestimmten Grund gewinnt besonders häufig der Westen.

 

Juldarigi ist streng genommen keine südkoreanische, sondern eine gesamtkoreanische Tradition, aber wie viel davon noch in Nordkorea übrig ist, lässt sich nicht ganz so einfach herausfinden. In Südkorea wird Juldarigi vor allem in ländlichen, Reis anbauenden Regionen als Teil von Erntezeremonien am Feiertag Daeboreum („Vollmondfest“) im Februar praktiziert. Der Ost- und der Westteil eines Dorfes bzw. einer Gemeinde ziehen um den Sieg. Mehr oder weniger.

 

Der Drache

 

Juldarigi in Südkorea

Seil am binyeomok

Der Gegenstand, um den es geht, ist ein massives Geflecht, das rund 200 Meter lang und 40 Tonnen schwer sein kann. Aus Reisstroh werden zunächst zwei gewaltige Seile geflochten, für jede Mannschaft eines. Das Seil des Ostteams heißt sutjul und ist männlich, das Seil des Westteams wird amjul genannt und gilt als weiblich. Die beiden Seile werden über einen Holzbalken, den binyeomok, miteinander verknüpft. Gegen dieses Konstrukt wirken die Seile, die in Europa üblicherweise beim Tauziehen zum Einsatz kommen, wie Zahnseide. Allerdings ist Juldarigi auch nur bedingt als einen echten Sport zu betrachten. Das mächtige Tauwerk soll an einen Drachen erinnern und durch die Verknüpfung des männlichen und des weiblichen Seils zugleich Fruchtbarkeit symbolisieren. Oder schreiben wir es frei heraus: Sex.

 

Die Seile können wegen ihrer Größe nicht direkt gegriffen werden, so dass die Teilnehmer kleine, zusätzlich angebrachte Stricke benutzen. Beide Teams versuchen, so viel von dem gegnerischen Seil wie möglich auf die eigene Seite zu ziehen. Zumeist entscheidet schon der erste „Ruck“ über den Sieger. Auch die Variante, in der ein Team aus drei Versuchen die meisten Siege davontragen muss, ist gängig. Dass am Ende häufig das Westteam jubelt, hat abergläubische Gründe. Da der „weibliche“ Westen mit Fruchtbarkeit assoziiert wird, macht ein Sieg dieser Seite für die Hoffnung auf reiche Ernte mehr Sinn.

 

Ritual mit Risiken

 

Der Aberglaube rund um Juldarigi kennt nicht nur harmlose Formen. Bevor die beiden Seile verknüpft werden und das Wettziehen beginnt, bewachen beide Seiten ihr jeweiliges Seil, um zu verhindern, dass Mitglieder des gegnerischen Teams es sabotieren. Da gleichzeitig der Mythos vorherrscht, dass eine Frau einen männlichen Nachkommen gebiert, wenn sie über eines der Seile springt, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Frau, die den Sprung versuchte, zu Tode gesteinigt. Heute dürften solche Vorfälle der Vergangenheit angehören, aber man kann sich ausmalen, dass es in den vielen Jahrhunderten, die Juldarigi schon praktiziert wird, die einen oder anderen unangenehmen Zusammenstöße gab. Aberglaube kann gefährliche Blüten treiben.

 

Variantenreich

 

In Südkorea gibt es auch Abwandlungen vom ursprünglichen Juldarigi, die später im Jahr stattfinden oder besonderen regionalen Gegebenheiten angepasst sind. Formen dieses traditionellen Wettkampfs existieren außerdem in Japan, Kambodscha und Laos.

 

 

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