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The Campden Wonder: Nur einer kam zurück

Campden Wonder

The Campden Wonder: Nur einer kam zurück

Wenn ein totgeglaubter Mensch nach Jahren wohlbehalten zu seinen Lieben zurückkehrt, dann ist das ein viel gepriesenes Wunder. Wenn allerdings zuvor drei andere Menschen für den vermeintlichen Mord an dieser Person hingerichtet wurden, bekommt das Wunder einen mehr als nur schalen Beigeschmack. Die als „The Campden Wonder“ in die Geschichte eingegangenen Ereignisse um William Harrison und die Familie Perry im England des 17. Jahrhunderts handeln von einer so tragischen wie dubiosen Wiederauferstehung.

 

Die Geschichte führt uns in die Ortschaft Chipping Campden im Südwesten Englands. Hier kehrte am 16. August 1660 der 70-Jährige Gutsverwalter William Harrison abends nicht von einem beruflichen Auftrag nach Hause zurück. Sein Diener John Perry wurde ausgesandt, Harrison zu suchen, und verschwand ebenfalls. Daraufhin machte sich Harrisons Sohn Edward daran, die Schritte seines Vaters nachzuverfolgen und stieß auf Perry, der angab, seinen Herrn nicht gefunden zu haben. Gemeinsam setzten sie die Suche fort, ohne Ergebnis. Bald darauf machte im Ort die Nachricht die Runde, dass zerfetzte und blutige Kleidungsstücke von William Harrison gefunden wurden. Für die Menschen stand fest, dass der alte Mann ermordet worden war, doch die Suche nach seiner Leiche blieb erfolglos.

 

Der Prozess

 

ProzessSchnell richtete sich der Verdacht gegen den Diener John Perry. Da William Harrison unterwegs war, Mieten einzusammeln, vermuteten die Leute, Perry hätte ihn des Geldes wegen umgebracht. Sie fanden es verdächtig, dass er von der Suche nach seinem Herrn zunächst nicht zurückgekehrt war. In den Verhören beschrieb Perry, wie er sich auf der Suche im dichten Nebel verirrt und die Nacht unter einer Brücke verbracht hatte. Diese Version überzeugte die Staatsmacht nicht. Der Diener wurde weiter verhört und gab schließlich zu Protokoll, dass nicht er, wohl aber sein Bruder Richard Perry und seine Mutter Joan Perry den alten Mann ermordet hätten, um die Mieteinnahmen zu stehlen. Er selbst hätte ihnen lediglich Informationen über Harrisons Zeitplan gegeben. Obwohl Richard und Joan Perry ihre Unschuld beteuerten, wurden sie zusammen mit John Perry vor Gericht gestellt. Auf Anraten ihrer Anwälte bekannten sich die drei Angeklagten des Diebstahls schuldig, da ihnen als Ersttäter dafür keine Strafe drohte und eine Mordanklage ohne Leiche unwahrscheinlich war. Ein schwerwiegender Fehler!

 

Trotz des Fehlens einer Leiche wurde Mordanklage gegen die drei Perrys erhoben, die nun aufgrund ihres vorherigen Eingeständnisses des Diebstahls als Kriminelle galten. John Perry widerrief seine Mordvorwürfe gegen seinen Bruder und seine Mutter und gab Unzurechnungsfähigkeit an, doch die Geschworenen sprachen John, Richard und Joan Perry schuldig des Mordes an William Harrison. Sie wurden zum Tod durch Erhängen verurteilt.

 

Die drei Familienmitglieder wurden auf dem Broadway Hill mit Blick auf Chipping Campden hingerichtet. Das Urteil wurde zunächst an Joan Perry vollstreckt, die auch noch verdächtigt wurde, eine Hexe zu sein. Anschließend folgte die Hinrichtung ihrer Söhne. Richard soll noch kurz vor seinem Tod seinen Bruder angefleht haben, die Wahrheit über William Harrisons Verschwinden preiszugeben.

 

Das Wunder

 

Rund zwei Jahre später kehrte ein quicklebendiger William Harrison mit einem Schiff aus Portugal in seine Heimat zurück. Er erklärte, er sei von drei in Weiß gekleideten Männern verwundet, entführt und als Sklave in die Türkei verkauft worden, ehe ihm die Flucht nach Portugal und von dort nach England gelang. Ende gut, alles gut, bis auf die winzige Tatsache, dass John, Richard und Joan Perry immer noch Tod waren und es auch blieben.

 

Die Fragen

 

Im 17. Jahrhundert waren die Ermittlungsmöglichkeiten begrenzt. Entsprechend kann man den Geschworenen kaum einen Vorwurf machen, dass sie sich ohne forensische Beweise an John Perrys suspekte Aussagen orientierten. Warum sollte er seine eigene Mutter und seinen Bruder grundlos des Mordes bezichtigen? Ja, warum? Dieser Fall ist, mehr als 350 Jahre später betrachtet, immer noch mysteriös. Die Fragen drehen sich dabei vor allem um zwei Protagonisten, William Harrison und John Perry. Das Mordopfer, das keines war, und sein Mörder, der keiner war.

 

William Harrison

Die wundersame Rückkehr dieses Mannes ist äußerst dubios. Oder vielmehr sein Verschwinden. Die Behauptung, er sei entführt und in die Sklaverei verkauft worden, entbehrt eigentlich jeder Logik. Wie viel Geld kann man durch den Verkauf eines 70-Jährigen schon machen? Warum sollten Verbrecher das Risiko auf sich nehmen, einen alten Mann zu entführen, der als „harte“ Arbeit nur das Einsammeln von Geld kennt? Wer bezahlt für so einen Sklaven? Allein die Gefahr, dass er die gewaltsame Gefangennahme und Überführung in einen ihm völlig fremden Teil der Welt nicht überlebt, war schon riesig. Nebenbei: wie konnten ihn die Männer ungesehen bis in die Türkei schaffen? Wäre es nicht wesentlich einträglicher, einfacher und unriskanter gewesen, ihn zu entführen, in der Nähe gefangen zu halten und Lösegeld von seiner Familie zu erpressen? Einige Quellen berichten von weiteren seltsamen Aussagen von Mr. Harrison, z.B., dass ihm seine Entführer Geld in die Taschen gesteckt haben sollen.

 

John Perry

Dass Menschen Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben, passiert bis heute. Häufig ist dies die Folge des großen psychischen Drucks, der in Verhören ausgeübt wird. Im England des 17. Jahrhunderts könnte zu dem psychischen auch physischer Druck hinzugekommen sein. Dass Mr. Perry gefoltert wurde, lässt sich nicht ausschließen. Interessant ist aber, dass er nicht sich selbst, sondern seine Mutter und seinen Bruder belastet hat. War das einfach ein Verzweiflungsakt, um sich selbst zu schützen, oder ein Racheakt gegen seine Familie? Wurde ihm in den Verhören suggeriert, seine Mutter und seinen Bruder zu bezichtigen, weil es bereits Vorbehalte in der Stadt gegen die beiden gab? War John Perry durch die Ereignisse womöglich wirklich zeitweise der Realität entglitten und dachte, seine Verwandten hätten den Mord begangen? Die Quellenlage ist auch in Bezug auf Perrys Verhalten nicht ganz eindeutig, da mal beschrieben wird, er sei mehr oder weniger fest bei seinen Anschuldigungen gegen seine Verwandten geblieben und es an anderen Stellen heißt, er habe diese deutlich widerrufen.

 

Die Theorien

 

GalgenDie Vermutung, die sich in Bezug auf William Harrison als erstes aufdrängt, ist, dass er seinen eigenen Tod fingiert hat, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen, aber zurückgekehrt ist, weil der Neustart nicht so verlief wie geplant. Vielleicht ging ihm das Geld aus. Es wäre nicht das erste oder letzte Mal gewesen, dass ein Mensch sein Ableben vortäuscht, um Familie und Verpflichtungen zu entkommen. Es ist grausam und feige, aber nicht unrealistisch. John Perry könnte in die Täuschung verwickelt gewesen sein, wahrscheinlicher aber ist, dass seine Aussagen die Folge von psychischem und physischem Druck waren. Warum er seine Mutter und seinen Bruder involviert hat, kann dabei unterschiedliche Gründe haben.

 

So filmreif wie die ganze Story eh schon ist, kann man natürlich auch etwas abenteuerlicher anmutende Theorien aufwerfen, z.B., dass William Harrison und sein Diener John Perry heimlich ein Liebespaar waren und gemeinsam durchbrennen wollten. Entweder hatten sie nicht vorhergesehen, dass Perry des Mordes verdächtigt werden würde oder es war ihr Plan, dass Perrys Familie dafür büßen muss, was aber damit endete, dass Perry ebenfalls am Galgen landete.

 

Die Möglichkeit, dass der Zurückgekehrte gar nicht der echte William Harrison, sondern ein Betrüger war, besteht zwar, ist aber ziemlich unwahrscheinlich. Schließlich sind seit dem Verschwinden und der Rückkehr des alten Mannes gerade einmal zwei Jahre vergangen. Harrisons engste Verwandte, Freunde und Nachbarn waren alle noch am Leben und hätten es wohl bemerkt, wenn ein Fremder sich als der Gutsverwalter ausgegeben hätte.

 

Als die größten Opfer dieses verworrenen Falles dürfen wohl Joan und Richard Perry angesehen werden, die höchstwahrscheinlich rein gar nichts mit den Vorgängen um William Harrison zu tun hatten, aber aus unerfindlichen Gründen belastet und schlecht von ihren Anwälten beraten wurden. Sie bekamen keine zweite Chance. Nur Harrison kam zurück.

 

Literatur & Links zum Thema

  • The Campden Wonder
  • Stratmann, Linda: Gloucestershire murders, 2005
  • Morton, James: Justice Denied, 2015
Bildinformation
Die hier verwendeten Fotos sind ausschließlich Symbolbilder.
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