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Vom König zum Bettler. Die Sage von Boleslaus II.

Vom König zum Bettler. Die Sage von Boleslaus II.

Wie oft passiert es, dass man auf einer Party gebeten wird, eine polnisch-österreichische Legende zu erzählen und dann zu peinlichem Schweigen verdammt ist, weil man keine kennt? So etwa plus minus niemals, schätze ich. Deswegen dürften in Deutschland die meisten Menschen eher wenig mit dem Namen Boleslaus II. anfangen können. Der Mann hat hier einfach keine Lobby.

 

Die außerhalb ihres Entstehungsgebietes kaum bekannten Sagen besitzen jedoch ihren ganz eigenen Reiz. Im Falle der Boleslaus-Legende, die auch als „Der stumme Büßer zu Ossiach“ bezeichnet wird, ist der historische Kern unbestreitbar. Boleslaus II. hat tatsächlich existiert. Er wurde im Jahr 1042 geboren und war von 1076 bis 1079 König von Polen. Seine Regentschaft wurde durch einen Aufstand beendet, nachdem sich Boleslaus II. mit dem Adel und dem Klerus seines Landes überworfen hatte. So ließ er z.B. den später heilig gesprochenen Bischof Stanislaus von Krakau als vermeintlichen Verräter hinrichten. Das Konzept eines absolutistischen Herrschers, der alle Fäden (und das Schwert, das sie durchtrennt) in der Hand hält, gefiel zwar Boleslaus II., nicht aber dem Rest Polens.

 

Boleslaus II.: Die Legende

 

Die Geschichtsbücher sagen, dass der enthronte König nach Ungarn ins Exil floh und dort 1081 starb. Die Legende vom stummen Büßer zu Ossiach behauptet jedoch etwas anderes. Und sie lautet so:

 

Es war um 1080, an einem stürmischen Herbstabend, als ein Pilger an die Pforten des Klosters zu Ossiach pochte und in der Zeichensprache eines Stummen um Einlaß bat. Der Pförtner ließ den Gast eintreten, man reichte ihm Abendbrot und wies ihm ein Nachtlager zu. Als man aber am Morgen erwartete, der Fremdling werde seinen Weg fortsetzen, flehte er mit Gebärden den Abt Teucho an, im Kloster bleiben zu dürfen. Zögernd willigte der Abt ein; aber nur zu den Diensten eines Knechtes konnte er den Stummen verwenden. Willig fügte sich dieser in seine armselige Stellung und verblieb im Kloster; geduldig, fleißig und bescheiden wie wenige, erwarb sich der stumme Knecht die Zuneigung aller. Im neunten Jahre aber erkrankte er schwer und fühlte, daß sein Ende nahe bevorstehe.

 

Nun öffneten sich die lange verschlossenen Lippen des Sterbenden und enthüllten den versammelten Mönchen das Rätsel seines Standes und seiner Herkunft. Der stumme Knecht war Boleslaw II., der Polenkönig. Gegen seinen leichtfertigen Lebenswandel erhob sich bald mit kühnem Freimute Bischof Stanislaus von Krakau, der, als sich sein grausamer Fürst nicht bessern wollte, ihn aus der Gemeinschaft der Kirche ausschloß. Von des Bischofs Kühnheit gereizt, sandte Boleslaw Söldlinge aus, den frommen Mann in der Kirche zu ermorden. Doch diese wagten es nicht, den schlimmen Auftrag auszuführen, und so brach der König selbst mit einigen Begleitern in die Kirche ein und erschlug den Priester am Altare. Jetzt jagten die Großen den Tyrannen aus dem Lande und er fand keine Stätte, um sein müdes Haupt zur Ruhe zu legen. Von Gram und Reue gepeinigt, beschloß er, nach Rom zu ziehen, dort sein Gewissen zu entlasten und Aufhebung des Kirchenbannes zu erflehen. Auf dem Wege dahin erreichte er Ossiach, dessen Weltabgeschiedenheit in ihm den Entschluß reifen ließ, hier als stummer Büßer sein Leben zu beschließen. Und jahrelang hielt er, wie eben erzählt, getreu diesen Entschluß, bis er das Geheimnis am Sterbebette enthüllte und den gerührten und erstaunten Mönchen die Geschichte seines Frevels und seiner Sühne erzählte. Als Beweis der Wahrheit übergab der König dem Abte seinen Siegelring mit dem königlichen Wappen. (Aus Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913)

 

 

Das Grab des stummen Büßers von OssiachOssiach ist eine kleine Gemeinde im österreichischen Kärnten. Noch heute gibt es dort an der Kirche einen Grabstein, der die Stelle markiert, an welcher der königliche Büßer bestattet sein soll. Der Stein trägt die später zugefügte Inschrift „REX BOLESLAUS POLONIAE OCCISOR SANCTI STANISLAI EPOSCOPI CRACOVENSIS“. Alle, die Latein in der Schule hatten: Gut für euch. Das Latinum im Studium nachzuholen war wirklich kein Vergnügen. Für alle, die kein Latein in der Schule hatten, hier die Übersetzung: Boleslaus, König von Polen, Mörder des heiligen Stanislaus, Bischofs von Krakau.

 

Der Wahrheitsgehalt

 

Könnte an der Sage etwas dran sein? Ist Boleslaus II. nicht im Exil in Ungarn gestorben, sondern als Büßer in einem Kärntener Kloster? Bisher konnten keine stichhaltigen Beweise dafür oder dagegen gefunden werden. Der Verbleib des Siegelringes, den Boleslaus II. laut der Legende dem Abt gab, ist unbekannt. Er soll gestohlen worden sein. Das klingt nach einer noch älteren Ausrede als „der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen“, kann aber als Erklärung auch nicht ausgeschlossen werden. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen des Grabes wurden Gebeine gefunden, doch ob sie von Boleslaus II. oder einer anderen Person stammen, ist unklar. Bemerkenswert ist, dass die ältesten bekannten Erwähnungen der Legende aus dem frühen 16. Jahrhundert stammen, rund 500 Jahre nach dem Tod des Königs. Das lässt eher auf eine nachträgliche Legendenbildung schließen.

 

Die Interpretation

 

Die Buße ist eines der ältesten Motive der Welt und ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens. Um Mythen zu verstehen lohnt es sich immer, sie in ihrer Zeit zu betrachten. Da die Boleslaus-Legende derzeit nur bis ins frühe 16. Jahrhundert, ca. bis 1520, zurückgeführt werden kann, muss man dies als die Zeit ihres Entstehens betrachten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlebte Polen einen Machtgewinn des Adels, der mehr und mehr Kontrolle über den König ausübte. Die Bauern und das Bürgertum verloren dadurch an Einfluss. In eine solche Phase der königlichen Schwäche passt die Geschichte eines Königs, der zum Diener und Büßer wird, durchaus hinein.

 

Das Kloster in Ossiach wurde 1484 durch ein Feuer zerstört und musste wieder aufgebaut werden. Wer ein Schelm ist, könnte sich jetzt denken, dass das Grab eines Büßerkönigs als Pilgerattraktion damals sicher eine willkommene Geldquelle war, allerdings stand das Kloster schon nach kurzer Zeit wieder in voller Pracht und es deutet wenig darauf hin, dass es um Ossiach so schlecht bestellt war, dass eine einträgliche Legende in Umlauf gebracht werden musste. Wir dürfen nicht vergessen: PR-Agenturen gab es damals noch nicht.

 

 

Alles in allem ist die Legende vom stummen Büßer zu Ossiach von ihrem Grundkonzept her nicht außergewöhnlich für die damalige Zeit. Die Geschichtsforschung wird die Legende vermutlich niemals anerkennen, aber auch nicht zweifelsfrei widerlegen können.

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