Gegen die Kolonialisierung half kein Wunderwasser

Maji-Maji-Aufstand

Gegen die Kolonialisierung half kein Wunderwasser

Als die Welt in den Großen Krieg schlitterte, war sie ungleichmäßig verteilt. Durch die Kolonialisierung befanden sich im Jahr 1914 knapp über 22% der Weltlandfläche in britischer Hand. Rund 7% Prozent standen unter der Herrschaft Frankreichs und immerhin noch 2% gehörten zu Deutschland. Damals, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, war Deutschland, das lange keine Kolonien besäßen hatte, eine größere Kolonialmacht als Portugal, Italien oder die Niederlande.

 

Die deutsche Kolonialgeschichte gestaltete sich im Vergleich zu jener vieler anderer europäischer Staaten nur kurz, schrieb aber mit dem Maji-Maji-Aufstand (1905 bis 1907) ein besonders skurriles, dramatisches und tragisches Kapitel, das heute leider weitestgehend in Vergessenheit geraten ist.  Bei diesem Aufstand im damaligen Deutsch-Ostafrika vermischte sich der Freiheitsdrang der religiös und kulturell unterdrückten Eingeborenen mit einem neuen Glauben, der übernatürliche Kräfte und damit die Macht versprach, die deutschen Kolonialherren zu vertreiben. Ein fataler Trugschluss.

 

Das Wunderwasser des Kinjikitile

 

Deutsch-Ostafrika

Deutsche Station in Mahenge, Deutsch-Ostafrika

Unter der Prämisse, dass auch Deutschland als aufstrebende Macht in Europa Kolonien fern der Heimat brauchte, entstand im Jahr 1885 das „Schutzgebiet“ Deutsch-Ostafrika, das die heutigen Länder Tansania, Burundi und Ruanda sowie einen kleinen Teil Mosambiks umfasste und damit doppelt so groß war wie das Kernland des Deutschen Reiches selbst. Den deutschen Kolonialherren war die Lebensweise der Eingeborenen, von deren Göttern, deren Art der Landwirtschaft bis hin zu deren Sprachen, äußerst fremd. So begannen die Deutschen, den verschiedenen Stämmen der Kolonie ihre Sitten und Gebräuche aufzuzwingen. Die deutsche „Leitkultur“, um einen in heutiger Zeit viel diskutierten Begriff zu verwenden, sollte den Osten Afrikas aufblühen lassen. Dass dies weder passte, noch von den Einheimischen gewollt war, spielte für die Kolonialherren keine Rolle. Was nicht sofort funktionierte, wurde notfalls mit Gewalt durchgesetzt.

 

In dieser Lage wandten sich immer mehr Stämme, trotz ihrer Gegensätze, einem Medizinmann namens Kinjikitile zu. Dieser wurde als Vermittler zwischen dem Schlangengott Bokero und den Menschen betrachtet. Der Medizinmann versprach, dass ein magischer Trank, genannt „Maji“, den Sieg über die verhassten Deutschen bringen würde. Das Wort „Maji“ bedeutet übersetzt „Wasser“. Die Zaubermedizin bestand neben Wasser aus Mais und Sorghumkörnern, einer Hirseart, und wurde in großen Kübeln angerührt. Die zum Kampf bereiten Eingeborenen tranken das Maji entweder oder übergossen sich damit, um übermenschliche Stärke zu erhalten und unverwundbar zu werden. Die Gewehrkugeln des technisch weit überlegenen Gegners aus Europa würden an ihren Körpern einfach abprallen, so versprach es Kinjikitile den afrikanischen Kriegern. Der neue spirituelle Führer gab den Unterdrückten wieder Mut, der letztlich in tragische Selbstüberschätzung gipfelte.

 

Die deutschen Kolonialherren nahmen den neuen, stammesübergreifenden Kult zunächst kaum wahr. Welche Gefahr von Kinjikitile und dessen Wunderwasser ausging, ahnten sie nicht. Erst im Juli 1905 brach der Aufstand offen aus: Telegrafenlinien wurden gekappt, um die Kommunikation der Kolonialverwaltungen mit dem Deutschen Reich zu unterbinden, Höfe zerstört und deutsche Siedler erschlagen. Eine wütende Reaktion der Deutschen erfolgte umgehend: Kinjikitile wurde verhaftet und am 5. August hingerichtet. Doch auch damit ließ sich die Bewegung nicht mehr aufhalten. „Maji, Maji, Tod den Deutschen“ war der Schlachtruf der Aufständischen.

 

Eine Kolonie in Flammen

 

Innerhalb kürzester Zeit erfasste der Maji-Maji-Aufstand alle Ecken Deutsch-Ostafrikas. Getragen und befeuert von dem Glauben an das Wunderwasser beteiligten sich bis zu 20 unterschiedliche Völker und ethnische Gruppen an der Rebellion. Der Zorn der Aufständischen richtete sich ebenso gegen deutsche Soldaten wie gegen Siedler und Missionare. Als im Oktober 1905 die Lage immer dramatischer wurde, entschied sich die deutsche Kriegsführung für die Taktik der verbrannten Erde. Den Aufständischen sollte die Lebensgrundlage entzogen werden. Dazu wurden ganze Ortschaften niedergebrannt. Das Leid brachte die Brücke zwischen den Stämmen, die durch den Glauben an das Maji entstanden war, zum Einsturz. Die einzelnen Stammesinteressen rückten im Angesicht der drohenden Ausrottung wieder in den Vordergrund.

 

Maji-Maji-Aufstand

Gefangene Maji-Maji-Krieger, 1906

Dass ein Aufständischer nach dem anderen im deutschen Kugelhagel starb, statt die Geschosse an sich abprallen zu lassen, erklärten sich viele Anhänger des Maji zunächst mit Missachtung der Gebote ihres getöteten Führers Kinjikitile oder glaubten, die Toten würden zurückkehren. Zunehmend schwand jedoch das Vertrauen in das Wunderwasser. Zu zahlreich waren die Toten.

 

Die eigene Verwundbarkeit erfuhren viele der Aufständischen nicht einmal in direkten Konfrontationen mit den deutschen Soldaten, sondern durch den Mangel an Nahrung. Der Aufstand zog sich noch bis ins Jahr 1907 hinein, war aber aus deutscher Sicht bereits im März 1906 weitgehend unter Kontrolle. Am Ende stand eine Opferzahl, die in heutiger Betrachtung zwischen 75.000 und 300.000 schwankt. Die Zahl an europäischen Opfern wird je nach Quelle mit etwas weniger oder etwas mehr als 20 angegeben. Daneben starben über 300 Einheimische, die auf deutscher Seite standen.

 

Aus der Katastrophe lernen

 

Im fernen Deutschen Reich nahm man die Ereignisse in der Kolonie mit Ernüchterung zur Kenntnis – und zumindest mit dem Willen, es zukünftig besser zu machen. Reformen wurden auf den Weg gebracht, um die Gewalt gegen die Einheimischen zu stoppen und ihnen mehr Freiheit zu zugestehen. Von Kinjikiteles Lehren wandten sich die Stämme Ostafrikas vollständig ab. Dem zuvor als Heilsbringer gefeierten Medizinmann haftete nun der Status eines Betrügers an, der viele Menschen ins Verderben gestürzt hat. Der Maji-Maji-Aufstand wurde zu einem düsteren Kapitel in der Geschichte Ostafrikas. Das Ende der Kolonie kam mit der Niederlage des deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg.

 

Anders als der Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika wird der Maji-Maji-Aufstand heute kaum noch thematisiert. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Aufstand in Deutsch-Ostafrika nicht mit dem Namen eines einzelnen Stammes verbunden ist oder könnte einfach der Tatsache geschuldet sein, dass hier nur wenige Deutsche unter den Opfern waren. Vielleicht ist es auch dieses Wunderwasser namens Maji, das einen Aufstand unwirklich erscheinen lässt, der bittere Realität war.

 

Bildnachweis

  • Demonstration of German Colonial Power in Africa, Foto von Downluke (CC By-SA 4.0)
  • Maji Maji Warriors, Foto von Downluke (CC By-SA 4.0)

 

Literatur

  • Graichen, Gisela & Gründer, Horst: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma, 2005
  • Seeberg, Karl-Martin: Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft, 1989
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