Sie nennen es Noodling

Ein Mann wartet gebückt durch kniehohes Gewässer. Seine beiden Hände tasten den Grund ab, den seine Augen durch das trübe Wasser hindurch nicht sehen können. Plötzlich zuckt er heftig zusammen und hebt unter großer Kraftanstrengung seinen rechten Arm an die Oberfläche. Dieser ist fast vollständig im Maul eines großen Fisches verschwunden. An Land versucht der Mann, seinen Arm zu befreien, ohne sich selbst dabei zu verletzen.

Wels

Fische sind strikte Gegner der Fischerei

Was durchaus die Beschreibung eines unglücklichen Nachmittags im Leben eines Goldsuchers oder eines Praktikanten im Kompetenzzentrum für Gewässerökologie sein könnte, ist vielmehr eine traditionsreiche Freizeitbeschäftigung aus den USA. Ja, in der Tat, der Mann wollte, dass sein Arm von einem großen Fisch verschluckt wird. Je größer, desto besser. Noodling heißt diese Fischfangtechnik, die in Teilen der USA, vor allem in den Südstaaten und dem Mittleren Westen, als Sport betrieben wird. Sie ist auch unter dem Namen Handfishing, Grabbling oder Hogging bekannt, aber Noodling klingt einfach am besten. In Deutschland lassen sich wenige Informationen darüber finden, daher versuche ich mich an einem kurzen Abriss.

Mensch gegen Katzenwels

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Wie oben dargestellt, sucht der Noodler den Grund mit seinen Armen ab. Dies kann auch in tieferen Gewässern stattfinden, wobei der Noodler dann natürlich taucht. Die Schnapp-meinen-Arm-Technik des Noodlings ist nicht für jede Art von Fisch geeignet, sondern vornehmlich für Fische aus der Familie der Katzenwelse (englisch: Catfish). Diese leben vor allem in Höhlen am Grund trüber Gewässer. Nach genau diesen Höhlen sucht der Noodler und greift hinein, mit dem Ziel, dass der Katzenwels den Arm für Beute oder einen Feind hält und zuschnappt.

Ungefährlich ist dieses Hobby nicht. Katzenwelse haben zwar keine so großen und scharfen Zähne wie Haie oder Piranhas, aber sich aus dem Maul eines Tieres zu befreien, das ungefähr das Gewicht eines Kleinkindes hat, kann trotzdem zu schweren Verletzungen führen. Katzenwelse erreichen nicht selten ein Gewicht von 20 kg und können sogar bis zu 60 kg schwer werden. Ihre Zähne reiben im Kampf wie Sandpapier über den Arm des Noodlers, was durchaus zum Verlust einiger Hautstellen führen kann.

Darüber hinaus besteht beim Noodling das große Risiko, von dem wehrhaften und kräftigen Fisch einfach unter Wasser gezogen zu werden und zu ertrinken. In der Tiefe hat der Catfish eindeutig den längeren Atem. Eine weitere Gefahr ergibt sich aus dem Umstand, dass Katzenwelse nicht die einzigen Bewohner des Seegrundes sind. Dort halten sich zum Beispiel auch Alligatorschildkröten und Schlangen auf, deren Bisse definitiv kein Sandpapier sind. Oftmals ziehen verlassene Katzenwels-Höhlen zudem Biber als Hausbesetzer an, die auf Störungen nicht sehr tolerant reagieren. Das Tragen von Handschuhen bietet zwar etwas Schutz vor Bissen und Schnitten, erhöht aber zugleich das Risiko, sich zu verfangen und zu ertrinken. Viele Noodler tragen daher nichts weiter als Shorts.

Keine Angel, keine Kosten, keine Sicherheit

Das Noodling geht auf die amerikanischen Ureinwohner zurück. Während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren erlebte das Noodling ein Comeback, da mit dieser Methode Essen auf den Tisch gebracht werden konnte, ohne irgendwelche Ausgaben zu tätigen. In vielen Familien der entsprechenden Regionen entstand daraus die Familientradition, Noodling-Kenntnisse an die Söhne und mittlerweile vermehrt an die Töchter weiterzugeben. Katzenwelse machen keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Armen. Alligatorschildkröten freilich ebenfalls nicht.

Gemeinhin gilt Noodling als sehr ländliche oder gar hinterwäldlerische Betätigung, die sich hervorragend für Horrorgeschichten über abgebissene Finger, abgerissene Arme, Biberangriffsopfer und Wasserleichen eignet. Daneben verurteilen viele diesen Sport als gefährdend für die Katzenwels-Population und prangern an, dass wieder ins Wasser zurückgeworfene Tiere an den erlittenen Verletzungen sterben.

Noodling ist nur in 12 Bundesstaaten der USA gesetzlich erlaubt, in Alabama, Arkansas, Georgia, Illinois, Kentucky, Mississippi, North Carolina, Oklahoma, South Carolina, Tennessee, Wisconsin und seit jüngerer Zeit in Texas. Trotz des zweifelhaften Rufes dieses Sports finden Wettkampfveranstaltungen statt, die mit Preisgeldern locken.

Noch nicht genug vom Noodling?

Wer mehr über das Noodling wissen will, muss in erster Linie auf englischsprachige Quellen zurückgreifen. Ein paar Beispiele: