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„Den Letzten beißen die Schafe“. Eine Therapie

Bissiges Schaf

„Den Letzten beißen die Schafe“. Eine Therapie

Die Welt der fiktiven Unterhaltung kann sich längst nicht mehr entscheiden: Ist Vampirsein nun cool oder doch nicht? Sind Vampire tragisch-romantische Helden, bösartige Parasiten oder bemitleidenswerte Gefangene ihres Schicksals? Literarische und filmische Werke geben sich mittlerweile sehr viel Mühe damit, diese Frage besonders uneindeutig zu beantworten.

 

Die Kurzgeschichte „Den Letzten beißen die Schafe“ von Oliver Dierssen wählt Variante 3: Vampire als verkrachte Existenzen. Im Mittelpunkt der Story steht der Vampir Theodor, der hochgradig depressiv ist und sich seit 17 Jahren in einer Therapieeinrichtung befindet, in der Vampiren geholfen werden soll, vom Menschenblut wegzu- und ihr Leben in den Griff zu bekommen. Die Resultate lassen sich dabei schwerlich schön reden, die meisten der Vampire bringen sich einfach nur gegenseitig um. Für ihn selbst völlig unverständlich freundet sich Theodor eines Tages mit Henry an und gewinnt dadurch neuen Lebensmut. Henry ist ein Schaf. Wie andere Tiere soll er den abstinenten Vampiren als Ersatznahrung dienen, aber Theodor will Henry behalten, ob den anderen Blutsaugern das nun passt oder nicht. Damit habe ich bei einem Umfang von 17 Seiten schon beinahe die gesamte Handlung verraten, aber was soll’s. Den Letzten beißen die Schafe.

 

Der Vampir und sein Schaf

 

Den letzten beißen die Schafe

Das Cover zur Kurzgeschichte. Quelle: Amazon

Henry hilft Theodor wieder auf die Beine, mich soll die Geschichte der beiden dabei unterstützen, meine lästige Lesekrise, die ich bereits hier geschildert habe, zu überwinden. Es ist unerfreulich lange her, seit ich das letzte Mal ein komplettes Buch gelesen habe. Keine 17 Jahre, aber trotzdem lange. Zumindest vorerst kann ich Erfolg vermelden: für meinen Geschmack waren die 17 Seiten viel zu wenig, ich hätte Theodor und Henry gerne noch ein bisschen länger begleitet. Stattdessen habe ich dann ein neues – richtiges – Buch angefangen. Darin kommen weder Vampire noch Schafe vor, aber momentan gefällt es mir auch. Die Prognose ist also positiv und ich musste mich dafür nicht einmal mit einem Nutztier anfreunden.

 

Noch einmal zurück zu „Den Letzten beißen die Schafe“. Dabei handelt es sich definitiv um eine sehr lesenswerte, groteske und schwarzhumorige Kurzgeschichte. Ob ein ganzer Roman mit dieser Story wirklich funktionieren würde, kann ich schwer beurteilen. Noch schräger wäre dieser Stoff natürlich als Fernsehserie. Ein mehrere hundert Jahre alter Vampir aus Langzeittherapie und ein Schaf, das ihm eigentlich als Nahrung dienen sollte, ziehen gemeinsam umher. Verfolgt werden sie dabei von angepissten Betreuern, die sowohl den Problem-Blutsauger als auch ihr Eigentum, das Schaf, zurückholen wollen, und von Vampiren, die besagtes Schaf jetzt quasi als goldene Gans betrachten, als die Delikatesse schlechthin. Das Drehbuch für die Pilotfolge schreibt sich ja förmlich von selbst …

 

Würzige Kürze

 

Früher habe ich nie Kurzgeschichten gelesen, das fing erst vor einigen Jahren an, hauptsächlich gefördert durch den Umstand, dass man sich Shortstories für wirklich sehr wenig Geld oder gar umsonst auf den Kindle laden kann. „Ein Haufen toter Schweine“ ist auch ein Beispiel dafür. Darin tauchen allerdings außer im Titel keine Tiere auf.

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