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Die Ente mit dem Eimer auf dem Dachboden

Reizwortanalyse

Die Ente mit dem Eimer auf dem Dachboden

1 aus 3. Wenn uns damals in der Grundschule drei Wörter vorgegeben wurden, aus denen wir eine Geschichte schreiben sollten, bekam ich am Ende meistens eine 1. Im Gegensatz zu vielen meiner Mitschüler machte mir diese Art von Prüfung tatsächlich Spaß. Dafür empfand ich jede andere Art von Prüfung, besonders solche, in denen Zahlen eine primäre Rolle spielten, als ziemlich unerfreulich. Da hieß es dann eher 5 aus 1.

 

Heute, sehr viele Jahre nach der Grundschulzeit, habe ich die Mathematik hinter mir gelassen, nachdem sie mich eh schon lange abgehängt hatte, aber die Sache mit den drei Wörtern ist immer noch nicht gänzlich aus meinem Leben verschwunden. Nur nennt sich das heute nicht mehr Aufsatzschreiben, sondern Reizwortanalyse. Die Reizwortanalyse oder auch Reizwortmethode ist eine Form der Zufallstechnik, die dabei helfen soll, Ideen zu entwickeln. Das Prinzip kommt dem aus der Grundschule sehr nahe: man wählt durch irgendein Zufallsverfahren ein Wort oder mehrere Wörter aus und schreibt dann darüber. Oder damit. Oder dagegen. Meine drei zufällig ergatterten Reizwörter sind Ente, Eimer und Dachboden.

 

Wie kommt die Ente mit dem Eimer auf den Dachboden?

 

Drei EntenSo ziemlich jeder Artikel mit einem Titel wie „10 Tipps gegen Schreibblockade“ oder „So findest du Ideen für einen Blogbeitrag“ empfiehlt die Reizwortanalyse als Kreativitätsmethode. Nur wie kommt man an Reizwörter? Die Option, seine Lehrer aus der Grundschule ausfindig zu machen und mal durchzuklingeln, um zu fragen, ob diese zufällig noch ein Dreierset Wörter von damals parat haben, kommt wohl eher nicht in Frage, wenngleich allein schon die Reaktion der (ehemaligen) Lehrkräfte viel Stoff zum Schreiben bieten würde.

 

Es müssen andere Methoden her, die gar nicht mal so kompliziert sind: man schnappt sich einfach einen Duden, blättert mit geschlossenen Augen herum, bleibt auf einer Seite und fährt mit dem Finger auf und ab. Irgendwann macht man die Augen auf und guckt, auf welchem Wort der Finger gelandet ist. Das kann man so auch mit jedem x-beliebigen Buch (außer einem Bilderbuch) oder mit irgendeiner Zeitschrift bzw. Zeitung (außer der BILD) machen. Trifft man mit dem Finger kein Hauptwort (Nomen) nimmt man das im Satz oder im Duden nächstfolgende Nomen, man kann aber natürlich auch Adjektive und Verben zulassen. Dann wird es vielleicht keine Ente mit Eimer auf dem Dachboden, sondern eine grüne Ente, die tanzt.

 

Ich mache die Probe aufs Exempel (nur Nomen) mit einer Zeitschrift, die ich gerade zur Hand habe, und heraus kommt: Kaiser, Verwaltungen und Kultur. Okay, das sagt einiges über die Zeitschriften aus, die ich so lese. Aber das war ja nur ein Testlauf, ich habe meine drei Wörter schließlich bereits.

 

Alternativ lässt sich auch der Fernseher oder das Radio als Zufallsgenerator nutzen. Man schaltet den Fernseher bzw. das Radio ein und nimmt das erste Wort, das man hört. Für weitere Wörter, wenn gewünscht, schaltet man auf andere Programme. Auch hier kann man, aber muss man nicht, dass erste Hauptwort abwarten, das fällt. Ein Testlauf mit Fernseher ergibt: Rabatt, Kinder und Waffenlieferungen. Okay, das ist eine ziemlich skurrile Kombination, übrigens zu Stande gekommen durch zwei Werbespots und eine Nachrichtensendung.

 

Aber halt, gibt es nicht eine App dafür oder zumindest eine gute Webseite? Es muss sich im Internet doch ein Zufallswortgenerator finden lassen?! Jein. Es gibt kleinere Projekte, die in diese Richtung gehen. Ein Zufallswortgenerator, der sämtliche Hauptwörter der deutschen Sprache und dazu noch Länder- und Städtenamen, Namen historischer Persönlichkeiten etc. enthält, gibt es meines Wissens nach nicht. Das wäre auch ein echtes Mammutprojekt. Ich schreibe es mir mal für besonders langweilige Tage auf.

 

Was macht die Ente mit dem Eimer auf dem Dachboden?

 

Wenn man sein Reizwort oder seine Reizwörter ermittelt hat, kann man mit dem Schreiben loslegen. In der Theorie. In der Praxis ist es natürlich nicht ganz so einfach. Gehen wir mal von einem einzelnen Reizwort – Ente – aus. Was weißt du über Enten bzw. was weißt du nicht über Enten? Welche Kindheitserinnerungen verbindest du mit Enten? Wann hast du zuletzt eine Ente gesehen? Welche berühmte (Zeichentrick-)Ente fällt dir ein? Letztere Frage ist jetzt nicht wirklich eine Herausforderung. So oder so ungefähr funktioniert es jedenfalls. Man spielt mit dem Wort, stellt Fragen, kramt in den Erinnerungen, die dieses Wort hervorruft. Es ist ein Reizwort – es soll reizen.

 

Bei einer Kombination mehrerer Reizwörter kann man nach einer Verbindung zwischen ihnen suchen. Besonders ideal ist die Drei-Reizwörter-Methode für Menschen, die Belletristik schreiben, denn aus einer Kombination völlig verschiedener Wörter lässt sich mitunter eine außergewöhnliche Geschichte entwickeln, auf die man sonst nie gekommen wäre. Eben das hat man ja in der Grundschule getan oder zumindest versucht. Da wir aber nicht mehr in der Grundschule sind, ist es nicht zwingend erforderlich, die drei Wörter irgendwie zu verbinden, man kann auch mit jedem separat arbeiten und sehen, wohin das letztlich führt.

 

Ente, Eimer, Dachboden

 

Meine drei Reizwörter. Klar, die Ente könnte auf dem Dachboden wohnen und in einem Eimer schwimmen, aber die Geschichte hebe ich mir lieber für ein anderes Mal auf. Schließlich bekomme ich dafür jetzt keine Note mehr. Ich verspreche aber, dass einer dieser drei Begriffe eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen wird in irgendeinem Blogpost, der dieses Jahr noch erscheint.

4 Comments
  • Flo

    Erfrischend anderes Thema, das du gewählt hast. Und erfrischend gut geschrieben. Ich komme wieder!

    Im Übrigen sind Reizwortgeschichten meine Lieblingsgeschichten, weil nur diese drei Wörter wie ein Schlüssel zu der Tür der Kreativität sind. Ich schreibe meinen Kindern in der Arbeit, wenn wir Deutsch üben, drei Wörter auf, die mir einfach so einfallen. Da kommt schon immer was blödes raus, aber die Kinder liebens, weil es für sie einfach ist, und ich mag es, weil man so herrlich blöde sachen „reizen“ kann!

    4. November 2016 at 23:48 Antworten
    • Maret Hosemann

      Finde ich super, dass du das mit deinen Kindern machst. So entwickeln sie auf spielerische Weise sprachliche Fähigkeiten und ihre Kreativität wird gefördert.

      5. November 2016 at 15:56 Antworten
  • Otto Wieland

    Für dich wäre auch der mitmachblogg etwas.

    5. November 2016 at 9:49 Antworten
    • Maret Hosemann

      Interessant, kannte ich bisher noch gar nicht.

      5. November 2016 at 15:57 Antworten

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