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Einfach mal andersherum: die Flip-Flop-Methode

Flip Flop Methode

Einfach mal andersherum: die Flip-Flop-Methode

Nach den zwei klassischen Kreativtechniken der Reizwortanalyse und der Inspiration durch alte Fotos widme ich mich einer Technik zur Ideenfindung, die alles auf den Kopf stellt: die Flip-Flop-Methode. Diese Herangehensweise basiert auf der Annahme, dass wir Negatives schneller erkennen und besser analysieren können als Positives. Anders wären wir wohl auch nie aus der Steinzeit herausgekommen und fänden es immer noch absolut super, in kalten Höhlen zu hausen und uns grunzend zu unterhalten.

 

Bei der Flip-Flop-Methode überlegt man sich zunächst ein Ausgangsthema, z.B. Wie schreibe ich einen spannenden Krimi? Diese Fragestellung dreht man dann einfach um zu Wie schreibe ich einen langweiligen Krimi? Dann kann man damit beginnen, herzhaft nach Haaren in der Suppe zu fischen. Hinterher, wenn man damit fertig ist, alles aufzulisten, was einen langweiligen Krimi ausmacht, dreht man das Ganze erneut um und versucht wieder, einen spannenden Krimi zu schreiben – auf Basis der gesammelten Negativ-Erkenntnisse. Wir haben ja jetzt jede Menge Fehler zusammengetragen, die wir eben nicht machen wollen und die uns zu besseren Alternativen inspirieren.

 

Das Ausgangsthema muss nicht zwangsläufig eine Frage sein, man kann auch eine These aufstellen wie Bücher sind besser als Hörbücher, diese dann umdrehen und Gründe dafür sammeln, warum Bücher schlechter (bzw. nicht besser) als Hörbücher sind. Mit den Ergebnissen lässt sich dann wiederum die eigentliche Ausgangsthese bearbeiten.

 

Flip-Flop-Methode: Flip

 

Flip-Flop-Methode: HorrorIch habe nicht wirklich vor, in nächster Zeit einen Horrorfilm zu drehen, aber nehmen wir mal an, es wäre doch so und ich würde mir die Frage stellen Wie mache ich einen guten Horrorfilm? Geflippt wird daraus:

 

Wie mache ich einen schlechten Horrorfilm?

  • Bei den Hauptfiguren handelt es sich um vier bis sieben Menschen, die zusammen verreisen, eine Party feiern oder einer anderen Aktivität nachgehen, obwohl sie überhaupt nicht zusammenpassen, sich teilweise nicht leiden können und ganz unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen haben. Ausdrücklich müssen beide Geschlechter und mindestens ein Angehöriger einer Minderheit dabei sein.
  • Jeder einzelne Charakter wird hauptsächlich auf eine Eigenschaft reduziert. Zur Auswahl stehen z.B. massive Arroganz, totale Schüchternheit, radikale Religiosität und schmerzhaft offensichtliche Blödheit. Der Hauptheld oder die Hauptheldin ist natürlich netter und smarter als alle anderen und überlebt am Ende.
  • Apropos Blödheit: alle Charaktere verhalten sich so, dass sie der Gefahr auch ja nicht entkommen. Dies beinhaltet ganz entschieden das „Überprüfen“ von Räumen, Schränken, etc., aus denen unheimliche Geräusche zu vernehmen sind, das Hinfallen beim Weglaufen (idealerweise Mädchen/Frauen vorbehalten), das Trennen, statt als Gruppe zusammen zu bleiben, denn zu siebt gegen einen Bösewicht wäre ja unfair, und die Flucht tiefer ins Gebäude hinein anstelle hinaus.
  • Der Bösewicht ist irgendeine möglichst gruselige Gestalt mit irgendwelchen charakteristischen Attributen, die ihn oder sie aber nicht daran hindern, immer stärker und schneller als die Opfer zu sein oder ungesehen überall rein zu kommen.
  • Die Polizei ist keine Hilfe, denn alle Polizisten sind dämlich, langsam, können mit ihren eigenen Waffen nicht umgehen und erkennen eine Gefahr erst, wenn ihnen ein scharfer Gegenstand in die Kehle gerammt wurde.
  • Autos springen nicht an, es sei denn, der Bösewicht fährt sie.
  • Handys funktionieren nicht. Niemals!
  • Es gibt weit und breit keine Schusswaffen zur Verteidigung, auch wenn der Film in einem Land (USA) spielt, in dem man Pistolen quasi im Supermarkt nebenan kaufen kann.
  • Der Bösewicht kann sich immer von hinten an ein Opfer heranschleichen. Vorzugsweise tut er dies im Badezimmer, damit das Opfer ihn erst im Spiegel sieht. Dementsprechend muss mindestens ein Charakter im Laufe des Films baden oder duschen. Mitten in der Nacht, natürlich.
  • Wer Sex hat, stirbt.
  • Irgendeine ominöse Gestalt – Friedhofsgärtner, blinde Hellseherin, alter Mann im Schaukelstuhl oder wirrer Professor – weiß mehr über den Bösewicht und gibt praktisch kaum anwendbare Ratschläge, die nie „Ruft die Polizei!“ beinhalten.
  • Der Bösewicht überlebt am Ende – wie sich spätestens nach dem Abspann herausstellt – egal ob er menschlich ist oder nicht und völlig unabhängig von der Schwere seiner Verletzungen und Höhe seines Blutverlustes.

 

Flip-Flop-Methode: Flip again

 

12 Punkte zum Thema schlechter Horrorfilm reichen wohl erst einmal. Drei- oder viermal so viele wären aber definitiv möglich gewesen. Es stimmt schon, dass einem das Negative schneller in den Sinn kommt. Es macht auch durchaus Spaß, eine Materie, in diesem Fall Horrorfilme, ein bisschen zu zerpflücken und eine Art übergeordnete Rolle als Kritiker und Nörgler vom Dienst einzunehmen. Nur muss man es dann selbst erst einmal besser machen. Dazu flippen wir wieder zur Ausgangsfrage:

 

Wie mache ich einen guten Horrorfilm?

 

Flip-Flop-MethodeDazu möchte ich jetzt nicht auf jeden einzelnen der 12 genannten Negativ-Punkte eingehen, aber die Richtung ist erkennbar. Die Charaktergestaltung muss komplexer, glaubwürdiger und interessanter sein, die Zuschauer sollten sich mehr mit den Reaktionen der Figuren und der gesamten Situation der Handlung identifizieren können. Horror entsteht schließlich auch aus der Vorstellung, selbst in einer solchen Lage zu sein.

 

 

 

Flip-Flop-Methode: Flip oder Flop?

 

Die Flip-Flop-Methode besitzt durchaus einen beachtlichen Spaßfaktor. Es dürfte in Geschäftsbesprechungen sicher sehr amüsant zugehen, wenn man zu der Frage Wie vergraulen wir unsere Kunden? flippt. Es ist aber natürlich eine Kreativtechnik, die mit einem gewissen Aufwand verbunden ist und sich eher für größere Konzepte eignet, nicht so sehr für spontane Kurzbeiträge.

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