Antaura bringt die Kopfschmerzen

Immer, wenn ich Migräne habe, die bei mir gewöhnlich wie eine glühende, zuvor in Säure getauchte und vor sich hin rostende Riesenstecknadel zwischen Nase und rechtem Auge sitzt, verspüre ich das Bedürfnis, Antaura zu verfluchen. Diese miese und windige kleine Dämonin, die aus der griechischen und später römischen Mythologie bekannt ist, sich aber nie in den Vordergrund gespielt hat! Sie sitzt gerne tief versteckt.

Antaura

Gemeine Migräne

In der Antike waren die Menschen ziemlich geschickt und kreativ darin, ihre Probleme zu personifizieren, ihnen einen Namen und eine Geschichte zu geben und sogar Schwächen oder Feinde anzudichten, die sie besiegbar wirken ließen. Heute bekämpfen wir Migräne mit Schmerztabletten, dieses Glück war unseren Vorfahren nicht vergönnt. Dafür hatten ihre Kopfschmerzen irgendwie mehr Spannung.

Miss Migräne

Artemis gegen Antaura1922 wurde im heutigen Österreich, in Petronell-Carnuntum, das einst das römische Lager Carnuntum war, eine kleine Goldtafel gefunden, die in griechischer Sprache von der Dämonin Antaura erzählt. Das Täfelchen stammt aus dem 3. Jahrhundert nach Christus und gelangte vermutlich über den Ostteil des damaligen römischen Reiches, der griechisch geprägt war, nach Carnuntum. Ins Deutsche übersetzt lautet der Text:

Antaura stieg aus dem Meer,
sie schrie wie ein Hirsch,
sie erhob ein Gebrüll wie ein Rind.
Es begegnete ihr Artemis Ephestia:
„Antaura, wohin führst du das Kopfweh?
Doch nicht in die ….“

An der Stelle bricht der Text leider ab, da die Goldtafel beschädigt ist. Vielleicht werden wir die Migräne deshalb bis heute nicht los. Es lässt sich dennoch einiges aus den wenigen Zeilen interpretieren: Antaura entstammt dem Meer und bringt den Menschen die Kopfschmerzen. Wörtlich bedeutet Antaura so viel wie „Gegenwind“, der bekanntlich durchaus heftiges Kopfweh auslösen kann. Antaura wird bekämpft von Artemis, der Göttin der Jagd, die hier den Beinamen „Ephestia“ trägt, der auf den Tempel in der griechischen Stadt Ephesos verweist. Dies bestätigt noch einmal die Zuordnung der Tafel zum griechischen Raum. Entsprechend der Feindschaft mit einer Jagdgöttin werden der Dämonin einige tierische Attribute zugeschrieben, die offenbar nicht unbedingt logisch sein müssen, denn sie schreit gleichzeitig wie ein Hirsch und ein Rind.

Bis ins Mittelalter hinein trugen die Menschen Amulette, um Antaura abzuwehren. Der Beschützer vor dem garstigen Gegenwind war später freilich nicht mehr Artemis, sondern Jesus Christus.

Die unheimliche Abyzou

Die Legende um Antaura basiert wahrscheinlich auf einem anderen weiblichen Dämon, der aus dem Nahen Osten stammt: Abyzou. Sie wurde dafür gefürchtet, Fehlgeburten auszulösen und Säuglinge zu töten, aus Neid darüber, selbst keine Kinder bekommen zu können. Angesichts der hohen Kindersterblichkeit in damaliger Zeit brauchten die Menschen eine Erklärung, die sie verstehen und auf die sie Hass und Wut projizieren konnten. Äußerlich wurde Abyzou häufig entweder als Fisch- oder als Schlangenwesen dargestellt.

Abyzou taucht auch im frühen christlichen Glauben auf, als Wesen mit grünem Gesicht und schlangenartigen Haaren, das pro Nacht ein Kind töten muss, um schlafen zu können. Sie wird in religiösen Schriften aus dem 4. Jahrhundert erwähnt. Bei näherer Betrachtung ist mir Antaura, die Migräne-Dämonin, irgendwie lieber. Leider können wir uns unsere Dämonen nicht aussuchen.

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