Das ewige Heute: “Matrjoschka”

Eine interessante und sehenswerte Netflix-Serie, die im normalen TV vermutlich niemals entstanden wäre? Mir scheint, wir befinden uns wie die Hauptfigur Nadia in einer Zeitschleife, denn das kommt mir verdammt bekannt vor. Wieder einmal überrascht uns der Streaming-Dienst mit einem kleinen Meisterstück, das verschiedene Genres und Gegensätze geschickt vereint. “Matrjoschka” ist düster und witzig, mal langsam und mal flott, unterhält hervorragend und regt zum Nachdenken an.

Matrjoschka Netflix

Heute ist heute … schon wieder.

An dieser Stelle möchte ich etwas tun, was der Autor eines Textes normalerweise nicht tut: Ich gebe zu, dass es mit diesem Beitrag ein Problem gibt. Dieses Problem besteht darin, dass der folgende Text, obwohl ich mich immer sehr bemühe, nicht zu viel zu verraten, auf Charaktere und Elemente eingeht, die noch viel besser wirken, wenn der Zuschauer vorher wirklich gar nichts über sie weiß. “Matrjoschka” ist eine Serie, die man Stück für Stück entdecken sollte. Wie bei den namensgebenden russischen Matrjoschkas wird eine Ebene gelüftet, um zur nächsten zu gelangen und wieder zur nächsten und wieder zur nächsten. Je weniger man als Zuschauer vorher informiert ist, desto größer fällt der Überraschungs- und Unterhaltungseffekt aus. Es hat aber keine gravierenden Auswirkungen auf Zeit und Raum, trotzdem weiterzulesen. Hoffe ich.

Matrjoschka: Die Ereignisse

Matrjoschka Netflix

Originalposter zur Serie. Quelle: Netflix

So richtig Lust auf die Party zu ihrem 36. Geburtstag hat die Software-Entwicklerin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) nicht. Sie verlässt die Feier mit ihrer Eroberung Mike (Jeremy Bobb) und entdeckt wenig später ihre seit Tagen vermisste Katze. Als sie zu ihr gelangen will, wird sie von einem Auto erfasst und stirbt. Im nächsten Moment befindet sie sich wieder auf ihrer Geburtstagsparty. Es ist derselbe Tag, nichts hat sich verändert. Bevor Nadia begreift, was geschieht, stirbt sie erneut und landet wieder auf ihrer Party. Verwirrt und einigermaßen angepisst versucht Nadia herauszufinden, was mit ihr geschieht, was gar nicht so einfach ist, da sie schon Probleme damit hat, ohne zu sterben die Wohnung der Gastgeberin Maxine (Greta Lee) zu verlassen.

Als Nadia in einem abstürzenden Fahrstuhl einen jungen Mann namens Alan Zaveri (Charlie Barnett) trifft, begreift sie, dass er ihr Schicksal teilt. Wie sie stirbt er immer wieder und erlebt den Tag erneut. Die beiden tun sich zusammen, um eine Lösung zu finden. Ihre Ansätze sind dabei sehr verschieden, sieht Alan doch eher die moralische und Nadia die wissenschaftliche Perspektive, doch langsam erkennen sie einige wichtige Überschneidungen in ihrer beider Leben. Als Gegenstände und Menschen verschwinden, wird ihnen klar, dass sie nicht alle Zeit der Welt haben.

Matrjoschka: Die Kritik

Bei meiner ersten Begegnung mit einer Matrjoschka-Puppe war ich etwa fünf oder sechs Jahre alt. Ich fand das Konzept der ineinander verschachtelten Figuren auf Anhieb toll. Als ich anfing, sie auseinander zu bauen, wollte ich einerseits sofort zum Kern – der kleinsten Puppe – gelangen, andererseits habe ich mir Zeit damit gelassen, weil es Spaß gemacht und ich jede Puppe richtig sehen wollte. Die Serie “Matrjoschka” (Originaltitel: “Russian Doll”) bewirkt eine sehr ähnliche Erfahrung. Der Wunsch, herauszufinden, was es mit der Zeitschleife auf sich hat, ist groß und wird immer riesiger, zugleich bereitet es sehr viel Vergnügen, die einzelnen Momente zu erleben und eigene Vermutungen anzustellen.

Es ist ungewöhnlich, zwei Protagonisten zu folgen, die ständig sterben. Ihre Tode kommen oft aus heiterem Himmel und verursachen diese Art von Schreck, bei dem man lachen muss, obwohl die Situation gar nicht zum Lachen ist. Mal sind die Tode von Nadia und Alan ziemlich kurios, mal sehr dramatisch und des Öfteren nahezu tragisch-trivial. Dies spiegelt genau die vielen Gesichter wider, die der Tod hat. Es geht dabei nicht darum, die Zuschauer einfach nur zu schocken und/oder zu amüsieren, obwohl beides gelingt. “Matrjoschka” erzählt eine Geschichte darüber, wie schnell und plötzlich ein Mensch sterben kann und wie viel schwieriger es im Vergleich dazu ist, das Leben auf die Reihe zu bekommen.

Matrjoschka Netflix

Szenen aus “Matrjoschka”. Quelle: Netflix

Nadias und Alans ungewöhnliche Freundschaft zählt für mich zu den Herzstücken dieser acht Folgen, wenngleich sie sich erst nach der Hälfte der Episoden entwickelt. Beide haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Nadia ist eine zynische Einzelgängerin, die feste Bindungen fast so sehr scheut wie sie im Laufe der Ereignisse Treppen fürchtet. Sie trägt offensichtlich eine tragische Vergangenheit als Rucksack mit sich, will diesen aber auf keinen Fall öffnen. Wer das versucht, beißt auf Granit. Sie hat viele Freunde, hält aber alle ein wenig auf Abstand, darunter auch ihren Ex-Freund John (Yul Vazquez). Der einige Jahre jüngere Alan hat keine zynische Ader. Er ist ein sensibler, sehr auf Ordnung bedachter und im Zuge dessen fast zwanghafter Mensch, der sehr unter der Trennung von seiner langjährigen Freundin Beatrice (Dascha Polanco) leidet. Sowohl Nadia als auch Alan hassen es, wenn man ihre geistige Gesundheit anzweifelt. Nach und nach entdecken sie, welche Gemeinsamkeiten sie verbinden. Ihre Freundschaft ist ein Auf und Ab, durch das sie sich einander öffnen und viel über sich selbst begreifen.

Der kluge Einsatz von schwarzem Humor überdeckt nie, dass “Matrjoschka” vor allem eine Dramaserie ist. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Depressionen, Einsamkeit, Ängste und Verdrängung. Darin eingewoben sind sozialkritische oder gesellschaftliche Motive wie Obdachlosigkeit, Religion, Homosexualität, Gewalt, Alkoholismus und Drogenmissbrauch. Eine interessante Komponente dieser Serie ist, dass sie von Frauen kreiert und produziert wurde, darunter die Hauptdarstellerin Natasha Lyonne. Man merkt dies an vielen Kleinigkeiten. So übt Nadia als Software-Entwicklerin einen modernen Beruf aus, der bisher wenn überhaupt in Film und Fernsehen überwiegend von Männern repräsentiert wurde. Auch erlaubt sich die Serie einen männlichen Protagonisten, der sensibler ist als die weibliche Hauptfigur, aber dennoch zu keiner Zeit irgendwie unmännlich wirkt. Das darf man im 21. Jahrhundert durchaus öfter sehen.

Da die Serie viele gute Kritiken bekommt, ist eine Fortsetzung sehr wahrscheinlich. Die erste Staffel weist aber kein offenes, sondern rundes Ende auf.

Matrjoschka: Das Fazit

“Matrjoschka” ist unterhaltsam, intelligent, interessant und facettenreich. Verschachtelt, einzeln auseinandergenommen und wieder zusammengefügt ergeben die acht Folgen der ersten Staffel ein Gesamtbild, das sich sehen lassen kann – und gesehen werden sollte. Übrigens könnten sich während oder nach Genuss dieser Folgen einige Fragen ergeben, die ich an dieser Stelle kurz beantworten möchte:

Welcher Song spielt auf Nadias Party jedes Mal, nachdem sie gestorben ist (und von dem wir danach alle einen Ohrwurm haben)?

“Gotta Get Up” von Harry Nilsson aus dem Jahr 1971.

Welches Videospiel spielt Alan?

Es ist ein fiktives Spiel, das so vermutlich nie auf den Markt kommen wird, sofern die Nachfrage nicht gigantisch ist.

Was trägt Nadia für eine Münze um den Hals?

Einen Krügerrand. Diese Münze stammt aus Südafrika und ist nach Paul Kruger benannt, der von 1882 bis 1902 Präsident der Südafrikanischen Republik war.

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