“Eiswelt”. Nur die Harten kommen in den Frühling

Die Erwärmung unseres Planeten ist von einem Nischenthema, mit dem die meisten Menschen wenig zu tun haben wollen, zu einem Politikum geworden, das die Jugend auf die Straße treibt, während die Alten dazu dämliche Kommentare in Sozialen Medien abgeben. Das klingt schon fast nach verkehrter Welt. In Jasper Ffordes Roman “Eiswelt” steht der Klimawandel so richtig Kopf: Die Welt wird nicht wärmer, sondern kälter.

Eiswelt

Hört ihr die Kälte klirren?

Ich habe schon mehrere Romane des walisischen Autors Jasper Fforde gelesen und schätze seine Fähigkeit, ungewöhnliche Welten zu erschaffen, die unserer Wirklichkeit den Spiegel vorhalten. Das ist ihm auch diesmal wieder auf beeindruckende Weise gelungen. In “Eiswelt” (Originaltitel: “Early Riser”) nimmt Fforde uns mit in eine Gegenwart, die der unseren sehr ähnelt, in vielen Punkten jedoch genau gegensätzlich ist. Wie durch eine Eisschicht blicken wir auf Muster, die uns äußerst vertraut sind, aber ein Bild ergeben, welches wir so bisher nicht kannten.

Lange Winter

EisweltEs herrscht noch immer Eiszeit auf dem Planeten Erde und das Klima wird stetig kälter. Seit Jahrhunderten verbringen die Menschen den extremen Winter mit seinen zweistelligen Temperaturen unter Null und heftigen Stürmen in der Hibernation, einem mehrwöchigen Winterschlaf. Dank der Einführung des Medikaments Morphenox überleben inzwischen viel mehr Menschen die “Hib”, wenngleich einige Wenige nur noch als kannibalische Nachtwandler ohne klaren Verstand erwachen und beseitigt werden müssen. Das Risiko gilt jedoch als tragbar und so würden sich auch die Bürger am unteren Rand des Gehaltsspektrums gerne Morphenox leisten können. Zu den 1% der Menschen, die im Winter wach bleiben, gehören die Winterkonsuln, deren Aufgabe darin besteht, die Schlafenden vor Schurken, Nachtwandlern und Katastrophen zu schützen.

In seinem ersten Winter als Konsul stolpert der junge Charlie in ein Kriminaldrama ungeahnten Ausmaßes. Durch unglückliche Umstände sitzt er im berüchtigten Sektor 12 seines Heimatlandes Wales fest, zusammen mit einigen skurrilen und wenig vertrauenswürdigen Kollegen. Charlie erfährt von einem viralen Traum, der seit einiger Zeit im Sektor 12 umgeht und Menschen in den Wahnsinn treibt. Der Nachwuchs-Winterkonsul will dem Phänomen auf den Grund gehen und überschreitet dafür eine Grenze nach der anderen. Er findet heraus, was es mit der Feindschaft der beiden mächtigsten Frauen im Sektor 12 auf sich hat, welche Pläne das Unternehmen Hiber-Tech verfolgt und wie viel Macht in einem Traum steckt. Irgendwie muss er den Winter überleben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Dickes Fell erforderlich

Jedes Kapitel beginnt mit einem Textauszug aus einem Roman oder Sachbuch, das in Jasper Ffordes fiktiver Welt geschrieben wurde und uns dabei hilft, diese besser zu verstehen. Wer glaubt, zumindest die Autorennamen unter diesen Textauszügen wären reine Erfindung ohne Wurzeln in der Realität, der kennt Mr. Fforde noch nicht gut genug. So wird uns ein gewisser Morris Desmond als Autor des Werkes “Die menschliche Hiberkutlur” vorgestellt. Tatsächlich hat ein Zoologe und Verhaltensforscher namens Desmond Morris mehrere Bücher über die Körpersprache von Menschen und Tieren veröffentlicht. Der ausgefuchste Jasper Fforde stellt einfach alles auf den Kopf.

Jasper Fforde Eiswelt

Buchcover. Quelle: Heyne Verlag

In einer Welt, die immer weiter gefriert, sind Kohlendioxid-Emissionen etwas richtig Gutes, leider gibt es zu wenige Fabriken, die für eine steigende Treibhausgaskonzentration in der Erdatmosphäre sorgen. Für die Menschen, die sich jedes Jahr in den Winterschlaf begeben, ist ein hoher Anteil an Körperfett überlebenswichtig. Wer sich selbst nicht rechtzeitig mit Gebackenem, Gebratenem und Süßem mästet, besiegelt sein Schicksal. Es gilt als purer Leichtsinn, sich vor der Hibernation zu viel zu bewegen. Glatte Haut hat in der Kälte ebenfalls keinen Nutzen, Körperbehaarung muss her. Die Menschen tragen ihr eigenes Fell. In vielen verschiedenen Facetten dieser frostigen Parallelwelt erkennen wir umgekehrte Verhältnisse zu unserer Wirklichkeit, unserer Lebensart und unseren Idealvorstellungen. Der Mensch passt sich letztlich an, um zu überleben. Entsprechend dürfen wir uns im Verlaufe der Handlung fragen, ob und wie sich unsere Nachfahren in Zukunft auf extreme klimatische Bedingungen einstellen müssen.

Es gibt viel herauszufinden über diese Version des Planeten Erde. Durch die harten Winter und die Hibernation haben sich kulturelle, wirtschaftliche, technologische und politische Eigenheiten entwickelt, die wir Stück für Stück kennenlernen. Wir erfahren von den verschiedenen Komplikationen, die der Winterschlaf mit sich bringt, von den gesellschaftlichen Strukturen und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch die Mythologie, die aus den Ängsten und Hoffnungen der Menschen entstanden ist, wird beleuchtet. Die Eiswelt hat ihre ganz eigenen Legenden und Rituale, an die sich manche Leute klammern und die von anderen abgelehnt werden. Jasper Fforde lässt uns durch viele Details in eine parallele Welt eintauchen, die uns irgendwie immer in unsere zurückführt.

Willkommen in Sektor 12

Der Ich-Erzähler Charlie, der wegen seines deformierten Kopfes den wenig schmeichelhaften Spitznamen “Matschbirne” trägt, hat bisher ein weitgehend unauffälliges Leben geführt und die Winter im Schlaf verbracht. Als Konsul erlebt er die härtesten und gefährlichsten Wochen des Jahres erstmals im wachen Zustand und das ausgerechnet im berüchtigten Sektor 12. Hier bekommt er es mit verschiedenen Gruppierungen zu tun und weiß nicht, wem er vertrauen kann und wem nicht. In Bezug auf die Charaktere hat sich Jasper Fforde einige Überraschungen einfallen lassen, die den Leser völlig unerwartet treffen. Viele Eindrücke zu Anfang der Geschichte verschieben sich im Laufe der Handlung. Wer am Ende an Charlies Seite steht und warum, ist zunächst überhaupt nicht absehbar. Die “Eiswelt” steckt voller Wendungen.

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