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Friendly Fire mit Vorsatz: Die Geschichte des Fraggings

Friendly Fire mit Vorsatz: Die Geschichte des Fraggings

Der Krieg füllt ganze Wörterbücher. In den Sprachen dieser Welt finden sich unzählige Begriffe, die ihren Ursprung im Militärjargon haben und von den Schlachtfeldern aus in die Alltagskommunikation eingezogen sind. „Friendly Fire“ ist ein solcher Ausdruck, von dem die meisten Menschen schon mal gehört haben. In einem etwas kleineren Kreis, vornehmlich unter Videospielern, kursiert der verwandte Militärbegriff  „Fragging“. Auch er bezeichnet ein „Friendly Fire“, jedoch eines, das ebenso bewusst wie absichtlich erfolgt. „Fragging“ ist im Wörterbuch des Krieges ein Synonym für totales Versagen und mörderische Verzweiflung.

 

Mit „Friendly Fire“ wird der versehentliche Beschuss eigener oder verbündeter Soldaten während eines Krieges bezeichnet. Ein solcher „Eigenbeschuss“, wie die deutsche Übersetzung weniger beschönigend lautet, geht zumeist auf taktische Fehler, technisches Versagen oder missverständliche Kommunikation zurück. Solche Vorfälle sind schreckliche, aber irrtümliche und ungewollte Randnotizen vieler Kriege. Der im Vietnamkrieg etablierte Ausdruck „Fragging“ bezeichnet hingegen das wissentliche und absichtliche, aber als Feindbeschuss getarnte Töten eigener Vorgesetzter durch Handgranaten. Nachweisen lässt sich ein solcher Mord aufgrund fehlender ballistischer Beweise kaum.

 

Der letzte Ausweg

 

VietnamkriegWarum töten Untergebene ihre Vorgesetzten? Solche Vorfälle gab es bereits zu früheren Zeiten in allen Armeen der Geschichte. So wurde im Spanischen Erbfolgekrieg 1704 ein britischer Offizier von seinen eigenen Leuten mit einem Kopfschuss getötet. Doch erst im Vietnamkrieg bildete sich innerhalb des US-Militärs das Fragging als eine gehäuft auftretende, mit Namen versehene und nach einer bestimmten Vorgehensweise durchgeführten Praxis heraus. Allein in den letzten Kriegsjahren zwischen 1969 und 1972 soll es rund 900 Fälle von Fragging im US-Militär gegeben haben. Grundsätzlich waren im Vietnamkrieg die Motive dieses absichtlichen Eigenbeschusses identisch mit denen früherer, sehr vereinzelter Vorfälle in anderen Schlachten: Angst vor der Inkompetenz oder dem irrationalen Verhalten der Vorgesetzten bzw. Verzweiflung und Wut aufgrund von erlittenen Schikanen.

 

Dass gerade der Vietnamkrieg das Phänomen Fragging hervorbrachte, liegt in seinem Verlauf begründet. Je länger er dauerte, desto unpopulärer wurde der Vietnamkrieg daheim in den USA und unter den Soldaten an der Front selbst. Es zeichnete sich mehr und mehr ab, dass ein Sieg nicht möglich war, die Moral der auf dem Papier hochüberlegenen US-Soldaten schwand, die Ethik auch, Konflikte nahmen zu. Der gesamte Krieg entwickelte sich immer aggressiver, schmutziger, verzweifelter und sinnloser.

 

Die Washington Post schrieb im Januar 1971: „US-Streitkräfte, die jetzt wissen, dass es zu Ende geht, aber nicht wissen, wann, haben eine Enklave-Mentalität und eine Philosophie von ‚Warum die Risiken eines nicht zu gewinnenden Krieges auf sich nehmen?‘ entwickelt. Die letzten Berichte aus Vietnam sprechen von Demoralisierung und von Fragging gegen Offiziere. Handgranaten werden geworfen, um die Aggressivität zu stoppen.“ Mit dem Ende des Vietnamkrieges nahmen auch die Fragging-Fälle deutlich ab.

 

Der Feind in meinem Team

 

Sieht man sich Filme über den Vietnamkrieg an, findet sich darin fast immer mindestens ein Vorgesetzter, der durch Brutalität, Wahnsinn, Inkompetenz oder alles zusammen besticht. Als Zuschauer möchte man glatt selbst eine Handgranate in den Fernseher werfen. Dessen ungeachtet kann man pauschal wohl kaum davon ausgehen, dass alle Opfer des Fraggings ihr Schicksal verdient haben und tatsächlich eine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben ihrer Untergebenen darstellten. Da die meisten dieser nun schon Jahrzehnte zurückliegenden Fälle wohl niemals aufgeklärt werden, bleibt auch die Frage von Schuld und Unschuld im Dunkeln.

 

Von der Front in die Konsole

 

Zurück zu den Videospielen. Hier hat der Begriff „Fragging“ eine neue Heimat gefunden, ausgelöst durch das Spiel „Doom“, in dem sich Spieler als Mitglieder der gleichen Einheit gegenseitig bekämpfen konnten. Die so getöteten Figuren wurden in Anlehnung an den absichtlichen Eigenbeschuss im Vietnamkrieg „Frags“ genannt. Heute wird der Ausdruck Frag häufig allgemein für das Töten eines Videospielcharakters verwendet. Das Wörterbuch des Krieges schlägt immer wieder neue Seiten auf. Leider.

 

Literatur & Links zum Thema

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