“Der Horror der frühen Medizin: Joseph Listers Kampf”

Wenn wir uns heute in ein Krankenhaus begeben, um uns einer Operation zu unterziehen, begleitet uns eine natürliche Angst, aber in der Regel auch das Vertrauen in die Kompetenz der Ärzte, in die Ausstattung des Krankenhauses und in die Einhaltung strenger hygienischer Vorschriften. Das war vor 200 Jahren völlig anders. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brauchte man als Patient der Chirurgie starke Nerven, sehr viel Glück und genug Geld für die Beerdigung.

Der Horror der frühen Medizin

Nur ein Kratzer

Das in Deutschland am 9. Juli 2018 erschienene Buch “Der Horror der frühen Medizin: Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber und Knochenklempner” der Autorin Lindsey Fitzharris führt uns zurück in jene Zeit, als die Chirurgie ein blutiges Handwerk war, das unzähligen Menschen, die eigentlich gerettet werden sollten, das Leben kostete. Die Patienten überstanden zwar zumeist die Eingriffe, fielen aber oft nur wenige Stunden oder Tage später schweren Infektionen zum Opfer. Die Chirurgen wussten weder, wie es zu den Infektionen kam, noch wie sich diese verhindern ließen. Der britische Mediziner Joseph Lister wollte dem Sterben in den Krankenhäusern Einhalt gebieten – und musste dazu viele Widerstände überwinden.

Die unsichtbaren Feinde

Der Horror der frühen Medizin: Joseph Lister

Joseph Lister im Jahr 1902

Ab und an den Boden mit kaltem Wasser wischen und die Fenster zum Lüften öffnen – mehr Hygiene gab es, als der im Südosten Englands geborene Joseph Lister 1844 seine Berufslaufbahn begann, in den städtischen Krankenhäusern nicht. Die als “Todeshäuser” verschrienen Hospitäler waren Dreckslöcher, in denen Chirurgen ihre Instrumente immer wieder verwendeten, ohne sie regelmäßig zu reinigen, keine Handschuhe trugen, sich nicht einmal vor einem Eingriff die Hände wuschen, und in vor Blut und Eiter steifen Kitteln operierten. Es mutet aus heutiger Sicht unglaublich an, dass diese Männer, die bereits fähig waren, komplizierte Eingriffe zu bewältigen, den Sinn von Hygiene nicht erkannten. Ihnen fehlten fundamentale Erkenntnisse oder es mangelte ihnen an der Fähigkeit (oder Bereitschaft), die in anderen Wissenschaftsbereichen gemachten Erkenntnisse in ihr Fachgebiet zu übertragen. Den damaligen Chirurgen war nicht klar, dass Infektionen durch mikroskopisch kleine Keime (deren Existenz grundsätzlich schon bekannt war) verursacht werden, die sich von Mensch zu Mensch übertragen. Entsprechend ergriffen sie auch keine für uns längst selbstverständlich gewordenen Maßnahmen der Sauberkeit und des Schutzes. Die Krankenhäuser jener Zeit waren ein Paradies für Keime und die Hölle für Menschen.

Nicht nur Patienten, auch Ärzte selbst fielen den Zuständen zum Opfer. Immer wieder starben Chirurgen, nachdem sie sich bei Eingriffen kleine Schnittverletzungen an den Händen zugezogen hatten. Vielversprechende Karrieren wurden beendet, bevor sie richtig begonnen hatten.

Erst durch Joseph Lister hielt die antiseptische Chirurgie, die darauf abzielte, Keime durch den Einsatz von Antiseptika und mehr Hygiene zu verringern, Einzug in die europäischen und amerikanischen Krankenhäuser. Der Brite setzte die Nutzung von Handschuhen, das Reinigen und Desinfizieren von Operationsbesteck und das Waschen der Hände vor und nach Operationen durch. Daraus entwickelte sich schließlich nach und nach die heutige aseptische Chirurgie, die auf einen kompletten Zustand der Keimfreiheit setzt.

Einfach hatte es Lister, der in London, Edinburgh und Glasgow praktizierte, bei seinem Kampf gegen die Krankenhauskeime nicht. Viele seiner Kollegen, besonders in England, sträubten sich gegen die Theorie, dass sich kleine, mit dem bloßen Auge nicht sichtbare Lebewesen in Wunden einnisteten und die Infektionen verursachten. Mit der Anerkennung der Keimtheorie ging schließlich auch das Eingeständnis einher, dass die Chirurgen häufig selbst durch Unsauberkeit die tödlichen Erreger auf ihre Patienten übertragen hatten. Die von Lister empfohlenen Maßnahmen waren vielen alteingesessenen Chirurgen außerdem zu aufwendig und langwierig.

Übrigens gehörten deutsche Mediziner zu den ersten, die Listers Theorie übernahmen und die Situation in den heimischen Krankenhäusern verbesserten. Der Erfolg von Listers Ideen in Deutschland, Schottland und anderen Ländern blieb letztlich auch der konservativen und unflexiblen Fachwelt in England nicht verborgen. Als Lister 1912 starb, war er ein mit vielen Auszeichnungen bedachter Mann, der unter anderem den Adelstitel 1. Baron Lister trug und der vor allem sehr viele Menschenleben gerettet hat.

Das kann ja Eiter werden

Der Horror der frühen Medizin

Buchcover. Quelle: Suhrkamp

Der Horror der frühen Medizin: Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber und Knochenklempner“ ist ein sehr langer Titel für ein sehr interessantes Buch, das nicht nur einfach Fakten abarbeitet, sondern mit sehr lebendigen Beschreibungen, spannenden Details und bisweilen überraschenden bis kuriosen Anekdoten auftrumpft. So erfahren wir, warum der Serienkiller Jack the Ripper genau das Messer benutzt hat, welches er benutzt hat. Lindsey Fitzharris greift auf eine Vielzahl von Quellen zurück, darunter die Aufzeichnungen Listers, Briefe, Biographien, Zeitungsartikel und Fallakten, um uns die Zeit, in der Lister wirkte, seinen langen Karriereweg und die prägenden Momente seines Privatlebens näher zu bringen.

Das unterhaltsam geschriebene, 276 Seiten umfassende Werk nimmt uns mit in die Gassen Londons, Edinburghs und Glasgows, die als Folge der Industrialisierung aus allen Nähten platzten. Männer, Frauen und sogar Kinder arbeiteten ohne ausreichende Schutzmaßnahmen an schweren Maschinen und mit leicht entzündlichen Chemikalien. So waren dramatische Verletzungen keine Seltenheit. Wir werden in die schmutzigen, beängstigenden Operationssäle jener Zeit geführt, erfahren von tragischen Einzelschicksalen, aber auch Happy Ends. Wir staunen über so manche Taten und Worte der damaligen Mediziner, die ihre Konflikte häufig über Leserbriefe in medizinischen Fachzeitschriften, quasi das Facebook jener Zeit, austrugen, und wir begleiten Joseph Lister bei seinen Experimenten, Eingriffen und Reisen, darunter eine Operation an Queen Victoria.

Als Leser muss man kein medizinisches Vorwissen mitbringen, sollte aber auch nicht zu empfindlich auf Beschreibungen reagieren, in denen gehäuft Begriffe wie “Blut”, “Knochen”, “Säge” und “Eiter” auftauchen.

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