Amazon’s Lore, Staffel 1

Lore

Amazon’s Lore, Staffel 1

Horrorkreaturen wie Vampire, Werwölfe oder Zombies waren vermutlich noch nie so gefragt wie sie es aktuell und seit ein paar Jahren sind, aber ihre Wahrnehmung hat sich verändert. Es glaubt kaum noch jemand, dass sie tatsächlich existieren, dass sie und andere mystische Wesen für Krankheiten verantwortlich sind und sie, nicht etwa der Mensch, alles Böse auf der Welt bewirken. Dies war früher anders.

 

Seit 2015 geht der Podcast „Lore“ den berühmtesten Horrormythen auf den Grund, zeigt wahre Geschichten von Fällen, in denen Menschen Legenden für bare Münze nahmen und widmet sich so in jeder Ausgabe den dramatischen Auswirkungen von Aber- und Irrglauben. 2017 hat Amazon den Machern von „Lore“ angeboten, aus dem Podcast eine Serie zu machen. Seit Dezember 2017 ist die erste Staffel der Serienversion von „Lore“ in Deutschland bei Amazon abrufbar. Alle sechs Episoden erzählen ihr Thema anhand von historischen Aufzeichnungen, Zeichentricksequenzen und Filmszenen mit professionellen und teilweise durchaus bekannten Schauspielern wie Robert Patrick („Terminator 2“, „Akte X“, „Scorpion“), Kristin Bauer van Straten („True Blood“, „Once Upon a Time“)  und Colm Feore („The Amazing Spider-Man 2„, „House of Cards“).

 

Lore: Wahre Begebenheiten

 

Folge 1: Das Elexier

Amazon's LoreDie Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, rafft im 19. Jahrhundert viele Menschen dahin. Auch die Familie Brown im beschaulichen Exeter, Rhode Island ist massiv betroffen. George Brown ist machtlos, als ihm die Krankheit seine Frau und seine zwei Töchter raubt. Um wenigstens seinen Sohn zu retten, lässt sich George widerwillig auf den Aberglauben seiner Bekannten ein, die vermuten, dass ein Dämon für die Krankheit verantwortlich ist und dazu eines der verstorbenen Familienmitglieder der Browns als Wirt benutzt.

 

Rezension: Das Oberthema dieser Episode ist die Vermischung von Medizin und Aberglaube, die nicht unwesentlich den modernen Vampirmythos mitgeprägt hat. Bram Stoker, der Mann der „Dracula“ auf die Welt losließ, besaß Aufzeichnungen über den Fall Brown. Jener war somit eine, wenn auch nicht die alleinige, Inspirationsquelle für die berühmteste Vampirgeschichte aller Zeiten, die wiederum so viele andere Bücher, Filme und Fernsehserien inspiriert hat. In einer sich rasant wandelnden Welt voller technischer Fortschritte konnte im 19. Jahrhundert die Medizin oftmals nicht mithalten. Für Krankheiten gab es weder Erklärungen noch Heilung. Ob ein Mensch wirklich tot war, konnten Ärzte noch nicht zuverlässig feststellen. Das ließ viele Menschen ratlos und ängstlich zurück und war ein Nährboden für Mythen. Genau das dokumentiert diese Folge auf erschreckende, aber vor allem traurige Weise. Wer nach „Lore“ das nächste Mal einen Vampirfilm sieht, der denkt vielleicht daran, dass jener zumindest zu einem ganz kleinen Teil auf der tragischen Geschichte einer Familie basiert, die von der Medizin im Stich gelassen wurde und sich an das Übernatürliche klammerte.

 

Folge 2: Echos

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat Dr. Walter Freeman eine Mission: er will die Irrenhäuser der Welt leeren. Er ist davon überzeugt, dass seine Behandlungsmethode, die Transorbitale Lobotomie, die Rettung für viele unter Depressionen und Geisteskrankheiten leidende Menschen sein wird. Der Eingriff dauert nur 10 Minuten, kostet gerade einmal 25 Dollar und bedarf keiner langwierigen chirurgischen Ausbildung. Welche fatalen Auswirkungen seine Behandlung auf viele Patienten hat, erkennt Freeman nicht oder will es nicht erkennen.

 

Rezension: Aua. Diese Folge ist nicht gruselig im eigentlichen Sinne, ihr Thema ist nicht der Glaube an das Übernatürliche, aber das macht sie nicht weniger erschreckend. Sie thematisiert den sehr langen und leider ziemlich brutalen Weg der Menschheit zu einem würdevollen und heilsamen Umgang mit geistigen Erkrankungen. Wirklich am Ziel angelangt sind wir in der Akzeptanz von Depressionen und ähnlichen Diagnosen noch immer nicht. Der Anblick von Freemans Transorbitaler Lobotomie, auch äußerst passenderweise als Eispickel-Lobotomie bekannt, jagt einem Schauer über den Rücken – die Art von Schauer, die man empfindet, wenn man einen Zahnarztbohrer hört, nur dreimal schlimmer. Es ist ein körperlicher Schrecken, fast schon zu real. Freeman blieb Zeit seines Lebens von seiner Methode überzeugt. Daran hätte wahrscheinlich nur eine Selbst-Lobotomisierung etwas ändern können.

 

Folge 3: Schwarze Strümpfe

Im Irland des 19. Jahrhunderts glauben noch immer viele Menschen auf dem Land an die alten Mythen über Feenwesen. Michael Cleary, der mit dem beruflichen Erfolg seiner Frau Bridget hadert, ist mehr und mehr davon überzeugt, dass sie nicht wirklich seine Frau ist, sondern ein Wechselbalg ihren Platz eingenommen hat. Er greift zu brutalen Methoden.

 

Rezension: Wenn ländlicher Aberglaube auf weibliche Emanzipation trifft. Diese dramatische Geschichte, die mit dazu beigetragen hat, im 19. Jahrhundert das Bild eines rückständigen, wilden und von Fabeln besessenen Irlands in der Welt zu prägen, ist ein Beispiel für die Unvereinbarkeit von Moderne und Tradition. Es gibt auch viele Beispiele dafür, dass sich beides sehr wohl kombinieren lässt, aber dies erfordert vor allem den Willen dazu. Einen solchen besaß Michael Cleary definitiv nicht. In seiner Unfähigkeit, den Lebensweg seiner Frau zu akzeptieren, hat er sie im wahrsten Sinne verteufelt und sich auf alte Legenden als Entschuldigung für seine Engstirnigkeit berufen. Eigentlich ganz praktisch, sich und seiner Umwelt einzureden, dass ein Mensch, den man nicht mehr versteht, gar nicht wirklich dieser Mensch ist, sondern von einem bösen Doppelgänger ersetzt wurde. Das würde heutzutage die Scheidungsrate erheblich verringern, die Mordrate allerdings beträchtlich erhöhen.

 

Folge 4: Botschaft aus dem Jenseits

Amazon's LoreObwohl inzwischen wieder verheiratet, kann Reverend Eliakim Phelps den Tod seiner Frau Elisabeth nicht verwinden. Angeregt von der blühenden Spiritismus-Bewegung entschließt er sich 1850 dazu, eine Séance abzuhalten, um mit Elisabeth sprechen zu können. Es scheint nicht zu klappen, doch in den Tagen und Wochen nach der Séance häufen sich merkwürdige und bedrohliche Ereignisse im Haus. Hat der Reverend jemand oder etwas anderes als seine geliebte Frau herbeigerufen oder ist er nur das Opfer von menschlichen Streichen?

 

Rezension: Mitte des 19. Jahrhunderts breitete sich in den USA die Spiritismus-Bewegung aus. Viele Menschen glaubten, Kontakt mit ihren verstorbenen Liebsten aufnehmen zu können. Séancen waren der letzte Schrei und ein abendfüllendes Ereignis, was beweist, dass die Erfindung des Fernsehen dringend Not tat. Ganz verschwunden sind Séancen und ähnliche Praktiken freilich bis heute nicht. Natürlich finden diese niemals bei strahlendem Sonnenschein auf einer Blumenwiese statt, es muss immer dunkel und beengt sein. Mir waren Gläserrücken und ähnliche „Spiele“ schon immer suspekt, worin mich diese Episode von „Lore“ bestätigt. Ob man nun an eine Kontaktaufnahme mit dem Jenseits glaubt oder nicht, diese unheimlichen Zeremonien mit ihren bestimmten Mustern können die Psyche enorm belasten.

 

Folge 5: Die Bestie in uns

Im Jahr 1589 fühlen sich die Bewohner des deutschen Dorfes Bedburg von einer unheimlichen Kreatur bedroht. Sie glauben, dass ein Werwolf sein Unwesen treibt. Nach zwei weiteren brutalen Morden beschließen einige Männer des Ortes, Jagd auf die Bestie zu machen. Sie ahnen nicht, womit sie es wirklich zu tun haben.

 

Rezension: Ausnahmslos alle Monster, die bisher entdeckt und als Verursacher schrecklicher Taten überführt werden konnten, waren Menschen. Keine Werwölfe, keine Vampire und keine Dämonen. Immer nur Menschen, die aussehen wie du und ich. Das ist die klare Botschaft dieser Folge. Im 16. Jahrhundert flüchteten sich die Menschen lieber in die Vorstellung, dass Kreaturen wie Werwölfe existieren, als den Gedanken zuzulassen, dass einer ihrer Nachbarn, Freunde oder Verwandten, einer aus ihrer Mitte, zu schrecklichen Taten fähig ist. Nachvollziehbar, aber inzwischen wissen wir es besser.

 

Folge 6: Robert, die Puppe

Der kleine Robert Eugene Otto, genannt Gene, ist ein Einzelgänger. Zu seinem besten Freund wird eine Puppe, die er nach sich selbst Robert nennt. Genes Eltern bereitet die enge Bindung zwischen ihrem Sohn und der Puppe bald große Sorgen. Ihre Versuche, Robert loszuwerden, lösen jedoch nur Katastrophen aus.

 

Rezension: Diese Episode ist für mich die unheimlichste, denn den Gruselfaktor von Puppen fand ich schon immer ausgesprochen hoch. Es gibt eine wissenschaftliche Erklärung dafür, die als Akzeptanzlücke oder Uncanny Valley bezeichnet wird. Demnach wirkt etwas, dass fast, aber eben nicht ganz lebendig erscheint, abschreckend. Darüber habe ich in einem anderen Zusammenhang schon einmal geschrieben. Ich akzeptiere, nach dieser Folge von „Lore“ umso mehr, dass diese Lücke bei mir vorhanden ist.

 

Lore: Die Angst vor dem Unbekannten

 

Lore

Poster zur Serie

Die Episoden von „Lore“ weisen alle die gleiche Struktur auf. Bevor die Erzählung der eigentlichen Hauptstory beginnt, wird kurz ein anderes Ereignis aufgegriffen, das vorher oder nachher stattfand und Parallelen zum Hauptfall der Folge aufweist. Diese Einleitung ist zumeist in Form von Trickfilmsequenzen dargestellt. Die anschließende Erzählung der Hauptstory in Spielfilmszenen wird noch einige Male unterbrochen, etwa drei oder vier Mal, um Hintergrundinformationen einfließen zu lassen, welche sich aus Trickfilmsequenzen und Originalaufnahmen zusammensetzen. Ein Erzähler führt durch die Folge.

 

Diese Struktur funktioniert sehr gut, sie bringt Abwechslung und ermöglicht es dem Zuschauer, Zusammenhänge herzustellen, Verbindungen selbst zu erkennen und zu interpretieren. Insgesamt versucht „Lore“, möglichst viel Interpretationsspielraum zu lassen und schmettert dem Zuschauer keine Erklärung als die einzig wahre Antwort ins Gesicht.

 

„Lore“ ist nicht übertrieben blutig, aber man sieht durchaus Gewalt, Leichen, Lobotomien und Puppen. Letztere finde ich immer noch am gruseligsten.

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