Mord unter Hollandgängern

Der Trend geht zu regional. Man isst regional, man kauft regional, man urlaubt regional. Nach diesem Prinzip lohnt es sich, auch häufiger mal den Blick in die Geschichte der eigenen Region zu werfen. Die mag keinen Einfluss auf das ganze Land, geschweige denn die Welt, genommen haben, kann aber dennoch sehr faszinierend sein. Zeitlich fern, örtlich nah.

 

Mein Blick schweift knapp 30 Kilometer in die Ferne und mehr als 180 Jahre in die Vergangenheit zu einem scheußlichen Verbrechen und einer Hinrichtung mitten im Nirgendwo. Man könnte bei der Betrachtung meiner Geschichtsbeiträge, zu nennen wäre hier etwa Helene Gillet. Die Frau, die ihre Enthauptung überlebte, den Eindruck gewinnen, ich würde eine makabere Faszination für öffentliche Hinrichtungen empfinden. Das stimmt so nicht. Ich empfinde auch eine makabere Faszination für nicht-öffentliche Hinrichtungen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, interessiert mich Kriminalitätsgeschichte, wie andere geschichtliche Aspekte auch, in vielfältiger Weise.

 

Eine ruchlose Tat

 

Mord unter HollandgängernDie Grafschaft Bentheim, der Landkreis, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, ist die holländischste aller deutschen Regionen. Die Nähe zu den Niederlanden hat die Grafschaft kulturell und wirtschaftlich, zum Glück nicht fußballerisch, geprägt. Ein Phänomen dieser Grenznähe war die so genannte „Hollandgängerei“: deutsche Arbeiter machten die kurzen Wege ins Nachbarland, um sich dort z.B. als Erntehelfer zu verdingen und mit Beutel voller Gulden zurückzukehren. Gefährlich war dies eigentlich nicht. Eigentlich. Wenn man jedoch den falschen Mitgänger an seiner Seite hatte, konnten am Ende Köpfe rollen.

 

Je nach spärlicher Quelle war es Anfang der 1820er oder Mitte der 1830er Jahre als zwei Hollandgänger auf dem Weg nach Hause durch die menschenleere Landschaft bei Quendorf streiften. Beide hatten jenseits der Grenze gut verdient, aber einem von beidem reichten die Gulden in der eigenen Tasche nicht oder er hatte sie schon ausgegeben. Vielleicht erschien ein teuflisches Miniatur-Abbild seiner selbst auf seiner rechten Schulter, das lauter war als das Engelchen auf der linken Seite, oder womöglich haben wir alle einfach zu viele Zeichentrickfilme gesehen. Es ist aber auch schwer, sich den Moment, in dem ein Mensch den Entschluss fasst, zum Mörder und Dieb zu werden, begreifbar vorzustellen. Der gierig gewordene Hollandgänger, der sich wieder je nach Quelle Günnemann oder Kün(n)emann schrieb, aber einvernehmlich aus Steide bei Salzbergen stammte, erschlug den anderen Mann mit einem Knotenstock und stahl ihm sein Geld.

 

Bevor wir zum Ende dieser Geschichte kommen, das ich ja eigentlich schon verraten habe, hier noch ein paar kurze Erläuterungen: ein Knotenstock ist ein Wanderstab mit verdickten Auswüchsen, der zumeist aus verwachsenen Zweigen und Wurzeln besteht. Seine Knoten machen ihn auch zu einer effektiven Waffe, wie Herr G. oder K. unter Beweis gestellt hat. Quendorf ist ein Tintenfleck auf der Karte des Landkreises Grafschaft Bentheim. Damals wie heute.

 

Richters Bült

 

Die Tat des Mörders blieb nicht unentdeckt, auch wenn ich mit eindeutigen Informationen darüber, wie seine Schuld ans Licht kam, leider nicht dienen kann. Zeugen wird es dort im Nirgendwo nicht gegeben haben, aber es könnte einigen Leuten bekannt gewesen sein, dass das Opfer, welches einer Quelle zufolge Wietkamp hieß, und der Täter gemeinsam reisten. Wenn Herr G. oder K. zudem noch auffallend viele Gulden besaß, wohingegen beim Toten kein Geld gefunden wurde … auch im 19. Jahrhundert musste man zur Klärung von Mordfällen nicht unbedingt ein Sherlock Holmes sein.

 

Der Mörder wurde zum Tod durch Enthauptung verurteilt. Die Vollstreckung der Hinrichtung fand an jenem Ort statt, an dem zuvor die Tat verübt worden war. Der Delinquent wurde auf einen Stuhl festgebunden und vor den Augen der anwesenden Bürger, darunter angeblich auch die Schüler der nächstgelegenen Schule, mit dem Schwert geköpft. Seine Leiche stieß man, wohl mitsamt des Stuhls, in eine ausgehobene Grube. Jene Hinrichtungs- und Begräbnisstätte bei Quendorf trägt im Volksmund bis heute den Namen „Richters Bült“. Es war die letzte öffentliche Hinrichtung auf dem Gebiet der Grafschaft Bentheim. 

 

Liegt (oder sitzt) die enthauptete Leiche des verurteilten Mörders bis heute unter der Erde des Richters Bült? Einer Schauergeschichte nach soll ein Arzt den abgetrennten Schädel im Jahr 1860 ausgegraben haben. Wozu und warum darf euren Alpträumen der kommenden Nacht überlassen werden.

 

Literatur & Links zum Thema

 

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